Hier können Sie den ganzen Text downloaden!
|
269 K |
Aufstieg und Abfall des Psychoanalytischen Seminars Zürich
von der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse
Thomas Kurz
I. Materialien
Die Anfänge
Der Beginn der Geschichte des Psychoanalytischen Seminars Zürich, seines Aufstiegs und seines Abfalls von der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse (SGP) fällt, wie Meerwein1979 feststellte, in die Zeit des Aufbruchs nach dem Zweiten Weltkrieg. Zuvor hatte die Schweizer Psychoanalyse nach Walser eine Talsohle ihrer Entwicklung erreicht: "Die Gesellschaft funktionierte zwar normal weiter, ein Einfluss zumal ein solcher auf die akademische Jugend ging aber kaum von ihr aus" (1976). Erst gegen Ende der vierziger Jahre erwachte das Interesse an der Freudschen Psychoanalyse wieder. Nach längerer Reserve öffnete sich die Psychiatrische Universitätsklinik Burghölzli in Zürich unter dem Eindruck der Psychosentherapie Rosens wieder der Freudschen Psychoanalyse. Der damalige Chefarzt Manfred Bleuler schickte Gaetano Benedetti zum Studium in die USA und betraute 1948 die beiden SGPMitglieder Gustav Bally und Medard Boss mit der psychoanalytischen Einführung der Assistenzärzte. Diese Ausbildung ausserhalb von SGP und Internationaler Psychoanalytischer Vereinigung (IPV) führte später zur Gründung des vorwiegend daseinsanalytischen "Instituts für ärztliche Psychotherapie".
Die psychoanalytische Ausbildung gemäss den IPV-Richtlinien lag de jure in den Händen des UnterrichtsAusschusses der SGP de facto bei einem privaten Freundeskreis, dem Fritz Morgenthaler, Paul Parin, Goldy ParinMatthèy (alle beim 1969 verstorbenen Rudolf Brun in Analyse) und Jacques Berna angehörten, sowie (später) Harold Winter, Harold Lincke und Fred Singeisen. Es handelte sich um einen geschlossenen Kreis mit hohen psychoanalytischen Standards. Mit dem zunehmenden Interesse an der Freudschen Psychoanalyse kamen weitere Analytiker hinzu (in der Reihenfolge des Hinzukommens: Arno von Blarer, Ulrich Moser, Maria PfisterAmmende, Emil und Renate Grütter, Hans MüllerWinterthur et al.), was den ursprünglich privaten Charakter dieses "Kränzlis" sprengte:
"Allmählich kamen immer mehr Leute dazu, die Jüngeren. Wir sagten ihnen, sie sollten doch auch ein eigenes 'Kränzchen' bilden, aber Schritt für Schritt entstand eine Institution." (ParinMatthèy, 1986).
Die Versuche, die Zuzüger loszuwerden, misslangen, so dass 1958 in Zürich ein "Psychoanalytisches Seminar für Kandidaten" gegründet wurde. Es befand sich anfänglich in einem Schulzimmer des Freien Gymnasiums, dann als Gast im Szondi Institut (später in eigenen Räumen an der Rämistrasse und an der Kirchgasse), und publizierte sein Programm zweimal zusammen mit dem erwähnten Institut für ärztliche Psychotherapie. Ueber eine weitere Zusammenarbeit wurde verhandelt, sie scheiterte indessen an der Frage der Laienanalyse (Valk). Das PSZ Programm bestand in den Jahren 1958 bis 1965 aus vier bis sieben Kursen, an denen insgesamt cirka 40 Personen teilnahmen. Zehn Dozenten unterrichteten: Bally, Berna, von Blarer, Blum, Lincke, Morgenthaler, Ulrich Moser, MüllerWinterthur, Paul Parin und Winter. Ein Bruch zwischen der Zürcher Gruppe und der SGP gab es nicht. Im Gegenteil: Die Verbandspolitik der SGP wurde stark von den Zürchern bestimmt, die auch wichtige Aemter innehatten. Dasselbe trifft für das Verhältnis zur IPV zu. Morgenthaler und Parin engagierten sich im Vereinsleben der IPV, übernahmen wiederholt Aemter und beteiligten sich aktiv an Kongressen. Morgenthaler schrieb im ersten Bulletin der SGP (1965):
"Die Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse ist ein Bestandteil der International Psychoanalytic Association, die in allen Ländern, wo die Psychoanalyse ernst genommen wird, eine immer grössere Bedeutung gewonnen hat. Diese Entwicklung ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass die Forscher, die wirklich Wesentliches zur psychoanalytischen Wissenschaft beigetragen haben, ihre Zugehörigkeit zur Vereinigung bekennen und damit die Autorität dieser Vereinigung zum Beispiel in den Ausbildungserfordernissen auf internationaler Ebene vergrössern" (Morgenthaler, 1965).
Die "schweizerische Eigenart"
Das Verhältnis der Schweizer Gruppe zur IPV war konfliktlos, obwohl sich die SGP in der Organisation ihrer Ausbildung in wesentlichen Punkten von derjenigen der anderen IPVcomponent societies unterschied (und immer noch unterscheidet). Morgenthaler und Berna schreiben im Vorfeld der Kopenhagener IPVKonferenz des internationalen Ausbildungs Ausschusses im SGP Bulletin Nr. 5 (1967):
"Die Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse ist unseres Wissens die einzige unter den der IPV angeschlossenen Vereinigungen, die aus prinzipiellen Ueberlegungen zu Beginn der psychoanalytischen Ausbildung kein Selektionsverfahren anwendet. Die Kandidaten haben dementsprechend weder eine Aufnahmeprüfung noch andere Tests zu bestehen. Sie besitzen aber auch keinen Status in der Gesellschaft, d.h. die Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse fühlt sich nicht verpflichtet, einen Kandidaten, der seine psychoanalytische Ausbildung begonnen hat, auch bis zum Abschluss derselben zu führen. Der Entschluss, eine psychoanalytische Ausbildung zu erwerben, bleibt ganz dem Ermessen des Kandidaten anheimgestellt." (Morgenthaler & Berna, 1967, 1)
"Erst mit diesem Schritt der Aufnahme des Kandidaten als ausserordentliches Mitglied der Gesellschaft ist auch die persönliche Analyse des Kandidaten offiziell als Lehranalyse anerkannt. Im Jahre 1956 hat der Vorstand unserer Gesellschaft auf Antrag unseres damaligen Präsidenten Dr. med. Philipp Sarasin beschlossen, dass der Begriff 'Lehranalyse' der Gesellschaft vorbehalten bleibt. Mit anderen Worten kann nur die ordentliche Geschäftssitzung der Gesellschaft beschliessen, dass eine persönliche Analyse eine Lehranalyse im didaktischen Sinne gewesen war. Unter diesen Umständen ist es verständlich, dass es in der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse weder spezielle 'Lehranalysen' noch 'Lehranalytiker' gibt. Es gibt ordentliche Mitglieder, die sich für Ausbildungsaufgaben zur Verfügung stellen, und Kandidaten, die nach der Aufnahme in die Gesellschaft als ausserordentliche Mitglieder die Bestätigung erhalten, dass die persönliche Analyse als Lehranalyse anerkannt wird." (op. cit., 1)
"Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass mit diesen Ausbildungs Richtlinien der ungünstigen Tendenz Vorschub geleistet wird, dass gewisse Studenten jahrelang unsere Seminare besuchen ohne Aussicht zu haben, jemals den Beruf eines Psychoanalytikers ausüben zu können. Es ist dann die Aufgabe des Unterrichtsausschusses (der allen Kandidaten empfiehlt, regelmässige Besprechungen mit zwei seiner Mitglieder zu führen), solchen Studenten die Schwierigkeiten in ihrem Ausbildungsgang klar zu machen. Die Nachteile sind trotz allen Bemühungen nicht zu beheben. Man darf aber die Vorteile unserer Ausbildungs Richtlinien deshalb nicht unterschätzen, insbesondere wenn man bedenkt, welche Nachteile ein Ausbildungssystem mit sich bringt, welches auf der schulmässigen Aufnahmeprüfung oder einer anderen Selektionsmethode einen festen Lehrgang aufbaut und damit Entscheidungen über Fähigkeiten und Neigungen eines Menschen fällt, die in vielen Fällen erst im Verlauf der persönlichen Analyse oder während den Erfahrungen in den Kontrollanalysen getroffen werden können" (op. cit., 4f).
"Die junge Generation zukünftiger Analytiker kann nicht hoffen, aus einem modernen, den heutigen Verhältnissen angepassten Selektionsverfahren einen Gewinn zu ziehen. Sie muss vielmehr verstehen, dass kein Selektionsverfahren darüber entscheiden kann, ob jemand sich zum Berufe des Psychoanalytikers eignet oder nicht. Man kann nur darüber entscheiden, ob jemand ein Pschoanalytiker geworden ist oder nicht" (op. cit., 5).
Der Unterschied zwischen der SGP und den anderen IPVGesellschaften, nach Meerwein seit alters her eine "tolerierte schweizerische Eigenart", führte nicht zu Auseinandersetzungen, er wurde aber bemerkt. So erkundigte sich der Vorsitzende der Kopenhagener Konferenz von 1967, die rund 80 Lehranalytiker vereinigte, Heinz Kohut, bei Morgenthaler nach dem "lack of structure of 'the Swiss society's' educational process".
Die Jahresversammlung 1968 besetzte mit Ausnahme der zwei VizePräsidenten alle wichtigen Aemter der SGP turnusgemäss durch Deutschschweizer, und das waren die Mitglieder des Kränzlis: Parin wurde als Nachfolger von Raymond de Saussure Präsident, Singeisen Aktuar, Ulrich Moser Kassier. Dem Unterrichtsausschuss aus Blum, Lincke, Morgenthaler, Ulrich Moser und Singeisen sass Berna vor. Nach dessen Berufung an das Allgemeine Krankenhaus Barnbek im Rahmen des Hamburger Psychoanalytischen Instituts übernahm der bewunderte und gefürchtete Morgenthaler den Vorsitz und wurde damit de facto Leiter des "Psychoanalytischen Seminars für Kandidaten".
Mai 68
Im Mai 68 figurierte das Thema "Beteiligung der Kandidaten an der Ausbildung" auf der Traktandenliste des SGPVorstandes offenbar angeregt durch einen Brief von Markus Bourquin, Rosmarie BernaGlantz, Hans Morgenstern, Judith Valk und Ilka von Zeppelin:
"Parin berichtet über diverse selbständige Initiativen der Kandidaten in Zürich, Gressot über positive Erfahrungen solcher Arbeitsgruppen in Genf. Alle Anwesenden befürworten Ermutigung und Hilfe. Ins Programm der Seminare sollten Arbeitsgruppen erst unter entsprechender Bezeichnung aufgenommen werden, wenn sie bereits ein Semester lang funktioniert haben. Vorläufig kann die Gesellschaft Mitteilungen in anderer Form übernehmen. Anregung Gressot/Blum: Die Kandidaten sollten zur Programmgestaltung der Seminare beigezogen werden: Für Zürich angenommen." (Protokoll SGPVorstand, 1968).
Im Dezember 1968 kam es auf Vorschlag von Grütter zur ersten "Vollversammlung der Kandidaten". Von den 30 Eingeladenen kamen 19. Die wichtigsten Verhandlungspunkte betrafen das Verhältnis der wie oben ausgeführt statuslosen Kandidaten zur Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse, die Durchführung von Seminarien ohne SGPMitglieder als Dozenten und die Mitsprache der Kandidaten im Unterrichtsausschuss. Nach Pedro Grosz führte die Mitsprache Forderung der Kandidaten zunächst zu erheblichen Spannungen zwischen den Kandidaten und dem Kränzli, das dem Antiautoritarismus der 68er Bewegung reserviert gegenüberstand. Dennoch kam es zur Wahl von Kandidatenvertretern im Unterrichtsausschuss (Berthold Rothschild, Ingrid Specht und Ilka von Zeppelin). "Ueber die Verhandlungen im UA (Unterrichtsausschuss) soll den Kandidaten entweder an Versammlungen mündlich oder auf schriftlichem Wege Rechenschaft abgelegt werden"; "ev. wäre ein Abend des Programms für Seminarien ohne Dozenten, d.h. unter reiner Arbeit und Führung der Kandidaten vorzusehen." Das Ansehen Morgenthalers bei den Kandidaten lässt sich aus zwei weiteren Forderungen der Vollversammlung ablesen: "Einstimmig gefordert wird ein technisches Traumseminar bei Dr. Morgenthaler" und: "Versammlung wünscht einstimmig dass Dr. Morgenthaler auch weiterhin Vorsitzender des Unterrichtsausschusses bleibt" (Protokoll 12.12.68).
Ein solches Kandidatentreffen war damals ein Novum, das über Zürich hinaus wahrgenommen wurde obwohl bereits in der erwähnten Kopenhagener Konferenz propagiert worden war, dass sich die Kandidaten "separat treffen und gewisse Gastvorlesungen für sich arrangieren" sollten (Brief Louis Lambelet, 13.1.69). Im Programm des Sommersemesters 1969 fand dann mit Judith Valk erstmals ein Nichtmitglied im SGPProgramm als "Referentin" Erwähnung Dozent war pro forma ein SGPMitglied. Ebenfalls im Wintersemester 68/69 konstituierte sich im Rahmen eines im SGPProgramm nicht aufgeführten Seminars über "Psychoanalyse und Gesellschaft" von Berthold Rothschild, Ilka von Zeppelin und Harold Lincke eine Arbeitsgruppe, aus der die spätere "Plattform" hervorging. Das Seminar befasste sich, beeinflusst durch die Institutionskritik der Studentenbewegung in Frankreich und der BRD, mit der Kritik an der Institutionalisierung der Psychoanalyse. Diese Institutionskritik war der Hintergrund für den folgenschweren Beschluss der Kandidaten der Gruppe (der im übrigen auch die SGPMitglieder Eicke und MüllerWinterthur angehörten), den Eintritt in die SGP zu verweigern (PlattformProtokoll 26.3.76). Kandidaten Vollversammlungen und dieses Seminar sind zweifellos Indizien dafür, dass die Contéstation des Mai 68 mindestens die Psychoanalyse Kandidaten erfasst hatte. Direkt von Paris kam dann im Januar 1969 ein 57SeitenGrundsatzpapier, das die revolutionären Ereignisse mit der Psychoanalyse und ihrer gesellschaftlichen Stellung und Organisation verknüpfte. Autor war JeanLuc Donnet:
"Ce texte prétend réfléter le ton et l'essentiel des réflexions des Commissions installées par l'Assemblée générale de Mai 68, et plus particulièrement le travail de la Commission 'cursus et hiérachie'" (Donnet, 1968, 1).
"La question qui se pose d'emblée est celleci: pourquoi les événements de Mai ontils eu de telles répercussions dans notre société d'analyse?" (op. cit., 1).
"A un niveau plus immédiat, la contestation concernait l'implantation sociale de la psychoanalyse: soit qu'on ait denoncé la cure comme traitement 'de classe' résérvé aux privilégies; soit qu'on ait reproché au psychoanalyste de ne pas assez répondre à la demande thérapeutique" (op. cit., 1).
Der Römer Kongress
Im März 1969 gab es von Zürich aus einen regen Briefverkehr nach Frankreich, Italien, Holland und Deutschland; er zielte mit Blick auf den Römer IPAKongress von 1969 auf die internationale Organisierung der Kandidaten:
"En vue du congrès de Ps. An. à Rome en Juillet nous nous sommes demandés s'il n'était pas opportun de se former entre candidats de tout pays et d'aspirer à une démocratisation de ce système sclérotique et conservateur qui domaine la Ps.An. ainsi demandant une participation démocratique des candidats dans toutes les commissions, à toute niveau, tendant à une sociologisation de la Ps. An. en général. 3 jours avant le congrès à Rome aura lieu un précongrès qui s'occupe des questions de formation pourquoi ne pas forcer notre participation? Rome serait un occasion splendide pour rassembler les candidats et pour leur donner une résponsabilité augmentée dans la gérance de la Ps. An. pour les années futures" (Rothschild an Elvio Fachinelli, 23.3.69).
Anfang Juni 1969 fand im Seminar an der Kirchgasse eine "1. Europäische Tagung junger Psychoanalytiker" statt, an der je drei Vertreter aus Frankreich und Italien, einer aus Deutschland und elf aus der Schweiz teilnahmen. Im "Aide Mémoire" dieses Treffens heisst es unter anderem, die Psychoanalytische Gesellschaft sei eine oligarchische Gesellschaft, deren Organisationsform nie zum Gegenstand der Reflexion gemacht worden sei, was mit der für den psychoanalytischen Werdegang charakteristischen Verflechtung von persönlicher Analyse und beruflicher Anerkennung zusammenhänge.
"4. In ihrer gegenwärtigen Form führt diese Verflechtung zu einer Erweiterung der Regressionserscheinungen über die persönliche Analyse hinaus und ihrer Uebertragung auf die psa Gesellschaft als Berufsorganisation.
5. Es wird in diesem Zusammenhang viel von einer Infantilisierung der Kandidaten und reziproken Inaktivierung der 'Väter' gesprochen" (Gemma Jappe, 1969, 2).
"8. Aus dieser Kritik folgt, dass ein neuer Modus der Beziehung zwischen Ausbildnern und Auszubilden den gefunden werden muss. 'Lehrer' und 'Lernende' sollen nicht permanente Gestalten, sondern fluktuierende und austauschbare Funktionen sein (Uebernahme von Teilen des Unterrichts z.B. der Kandidaten)" (op. cit., 2).
Solange diese Beziehung unter den Auspizien der IPA stehe, sei sie "überschattet von Problemen der Aspiration auf die Zugehörigkeit zu dieser Gesellschaft, derzeit identisch mit beruflichem Status. Dies beeinträchtigt auf beiden Seiten die Offenheit der Beziehung, auf Seiten der Kandidaten die Freiheit des Lernens":
"Aus diesem Grunde ist das oberste Prinzip eine Trennung zwischen persönlicher Ausbildung und eventueller Zugehörigkeit zur Gesellschaft" (op. cit., 3).
Diese "Europäische Tagung junger Psychoanalytiker" organisierte nun, nach einem weiteren Treffen in Mailand, unter dem Namen "The Platform Working Groups of European Psychoanalysts" in der Römer Trattoria "Carlino al Panorama" an der Via Trionfale 200 einen Gegenkongress, an dem die oben erwähnten Themen diskutiert wurden. Während im Salon des offiziellen IPAHotels Hilton Plakate mit der Aufschrift "26. International Psychoanalytical Congre$$. Rome 69" aufgehängt wurden, präsentierten Elvio Fachinelli (wie Marianna Bolko bereits seit 1968 in Kontakt mit der Zürcher Gruppe) und Berthold Rothschild an einer Pressekonferenz ein Manifest:
"Il professor Fachinelli, chiarendo il significato del manifesto, ha denunciato il carattere 'americano' del congresso completamente dominato ha detto dalle diverse società pychoanalitiche degli USA. 'Un congresso di lusso', ha aggiunto Rothschild" ("Unita", 29.7.69)
"Il ne s'agit pas pour nous, ont ils dit, de préparer une scission au sein de l'association internationale" ("Le Monde", 30.7.69).
Die Einladung einer Delegation durch den Präsidenten der italienischen Gesellschaft, Emilio Servadio, wurde abgelehnt (Servadio: "No, loro sono rimasti al di fuori. Cominciano a contestare senza prima bussare alla porta; senza sapere se questa porta si sarebbe aperta o no" ("Il Giornale d'Italia", 1.8.69)). Der "Gegenkongress" wurde von vielen IPAMitgliedern besucht; neben Servadio unter anderem von Alexander Mitscherlich und Jacques Lacan. Er schloss ohne Resolution mit einer Adressliste von 126 Interessierten aus elf Ländern, darunter die Schweiz, Italien, Frankreich, Deutschland und die für die weitere Entwicklung in der Schweiz wichtige argentinische "PlataformaGruppe" (u.a. Marie Langer, Armando Bauleo, Hernan Kesselman). Mit dem Römer Gegenkongress hatte sich die "Platform" als oppositionelle Organisation aus vorwiegend IPAKandidaten auf schweizerischer und internationaler Ebene konstituiert; Sekretär der "PlatformInternational" wurde Berthold Rothschild.
Das "Memorandum Morgenthaler"
Zurück in Zürich kam die Revolution von oben: Morgenthaler präsentierte im Januar 1970 als Leiter des SGPUnterrichtsausschusses ein "Memorandum über Ziel, Sinn und Organisation des Seminars Zürich":
"Das psychoanalytische Seminar Zürich soll als erstes Ausbildungsinstitut einer psychoanalytischen Gesellschaft der I.P.A. von den Studenten selbst übernommen und geführt werden. (...) Ein ordentliches Mitglied wird auch zukünftig der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse gegenüber die Verantwortung für das Seminar Zürich tragen, sofern es möglich ist, das Seminar so zu führen, dass es den Interessen der Gesellschaft nicht zuwiderläuft. Diese Interessen sind ausschliesslich auf die Förderung des Gedankenguts der Psychoanalyse Freuds ausgerichtet. Es käme nur dann zu einer Interessenkollision, wenn die neue Seminarleitung, dass heisst die gewählten Studenten, andere Ziele, als die erwähnten, verfolgen wollte" (Morgenthaler, Januar 1970).
Dies war der Basis zu rasch, zu paternalistisch, und ging zu weit. In der Einladung zu zwei entsprechenden Versammlungen aller Seminarteilnehmer wurde darauf hingewiesen, dass die Kandidatenversammlung vom vergangenen Dezember 1969 wegen schwachen Besuchs keine Vertreter in den Unterrichtsausschuss wählen konnte und zur aktiven Teilnahme aufgefordert:
"Wir haben bewusst den Ausdruck 'Teilnehmer des psychoanalytischen Seminars' gewählt, um damit auch äusserlich zu dokumentieren, dass die Studenten nicht nur passivrezeptive Zuhörer sind, während die Dozenten unterrichten und dazu noch das Seminar leiten. Diese Entwicklung hat sich bereits angebahnt. Es geht jedoch nicht an, dass wir nach vermehrter Mitverantwortung rufen, während es sich in der Praxis zeigt, dass letztlich immer nur wenige Kollegen bereit sind, sich an den neuen Aufgaben zu beteiligen" (H. Kayser an die Teilnehmer, 29.1.l970).
Die im Memorandum vorgeschlagene Uebernahme des Seminars durch die Studenten wurde im Februar 1970 denn auch von einer Versammlung aller Teilnehmer (SGPMitglieder, Kandidaten, Gäste) zugunsten eines Gegenvorschlages abgelehnt:
"Es wurde Kritik an einem Detail des Memorandums geübt, wonach die Kandidaten zum Sommersemester 1970 die Seminarleitung übernehmen sollten. Einmal sei der Uebergang zu rasch, zum anderen würde eine Trennung in umgekehrter Weise zustande kommen. Man schlug ein Kollegium aller Teilnehmer vor. In einer Abstimmung wurde eine totale Uebernahme abgelehnt, dagegen eine stufenweise, gemischte Uebernahme angenommen" (TVProtokoll 24./26.2.70).
Auch die SGPMitglieder standen der Selbstverwaltung mit ambivalenten Gefühlen gegenüber. Sie kamen nach Pedro Grosz beispielsweise zum Ausdruck, als er die Seminarschlüssel für die Seminarleitung bei Morgenthaler abholen wollte. Der UALeiter knallte sie Grosz, in Anwesenheit der langjährigen Seminar Sekretärin Ruth Bitterlin, unwirsch vor die Füsse. Unter dem Briefkopf "SCHWEIZERISCHE GESELLSCHAFT FUER PSYCHOANALYSE Seminar Zürich" und dem Titel "Teilnehmervereinigung des Psychoanalytischen Seminars Zürich" wurde die Zusammensetzung (und Wahl) der Seminarleitung im April 1970 schliesslich wie folgt angegeben: N.N. als Vertreter der ordentlichen SGPMitglieder, Alice Miller als Vertreterin der ausserordentlichen Mitglieder, Alexander Moser als Kandidatenvertreter und Hans Kayser als Vertreter der sogenannten "administrativen Kommission" (später "administrative Seminarleitung"). Die Jahresversammlung der SGP segnete dieses Modell im März 1970 ab:
"Längere Diskussion über organisatorische Aenderungen am Seminar Zürich. Von den welschen Mitgliedern, insbesondere de Saussure, werden gewisse Bedenken geäussert, zu denen Parin und Morgenthaler Stellung nehmen. Hinweis, dass ordentliche Mitglieder in der Seminarleitung bleiben" (SGPProtokoll, 14.3.70).
Tatsächlich war einen Monat später noch nicht klar, welches ordentliche Mitglied nun "die Verantwortung tragen" sollte. Nach einer persönlichen Mitteilung von Martha EickeSpengler war bei der SGPJahresversammlung versichert worden, dass die SGP in der wissenschaftlichen Seminarleitung weiterhin die Mehrheit aufweise, da der Vertreter der "administrativen Kommission" nicht stimmberechtigt sei. Die Mehrheitsverhältnisse hätten sich verändert, als die Vertreterin der ausserordentlichen Mitglieder (Rosmarie BernaGlantz) zum ordentlichen Mitglied avancierte und die Vakanz mit einem Kandidaten besetzt wurde. Diese Stimmrechtsverhältnisse werden in den Argumentationsfiguren derjenigen, welche dem PSZ die SGPAnerkennung absprechen wollten, eine Rolle spielen. Sie sind nach unseren Akten schriftlich nicht festgelegt worden. In diesen Unterlagen sind die Seminarleitungswahlen von 1971 und 1972 nicht belegt. Bei den Wahlen vom April 1973 war der von Frau EickeSpengler postulierte Mehrheitswechsel jedenfalls bereits vollzogen und der "ständische" Schlüssel wurde nicht mehr eingehalten (als ordentliches SGPMitglied sass Arno von Blarer in der Seminarleitung, zusammen mit den drei Kandidaten Emilio Modena, Thomas von Salis und Hanspeter Meyer). Die Neustrukturierung wurde auch in einem neuen Namen dokumentiert: Im SGPProgramm l970/1971 war nun nicht mehr von einem "Psychoanalytischen Seminar für Kandidaten" die Rede, sondern erstmals vom "Psychoanalytischen Seminar Zürich" (PSZ).
Die Spaltung der Kandidaten
Nach der innerschweizerischen Reorganisation stand der Winter 1970/71 im Zeichen der Vorbereitung des Wiener Kongresses der IPA von 1971. Auch die IPA versuchte, die Bewegung unter den Kandidaten institutionell aufzufangen: Ihr Angebot für eine "Student's Conference" wurde von einem Vorbereitungskomitee im November 1970 angenommen; als Hauptthema wurde "The Relationship between Dependence and Autonomy in the Student's Situation" bestimmt. Parallel zur IPAGeschäftssitzung sollte eine IPAKandidatenOrganisation auf die Beine gestellt werden (Summary, 10.11.70). Die Zürcher Gruppe machte dabei nicht mit. In Briefen an den Koordinator der Konferenz, N.M. Goodburn, und den SGPVorstand hiess es:
"The assemblee of the Seminary-Participants (collective plenum of candidates, members, extraordinary members etc.) of the Zurich PsychoanalyticSeminary has decided by a large majority, not to nominate a representative for this preCongressorganisation, follwing the argument that the plan of a preCongress for Candidates is not the issue that was expected of the large and international movement of Candidates and the discussions in Roma and later. On the local level in Zurich we have passed the primary state of mere selfawareness of Candidates and their activities have reached at least partially the possibility of an open, nonhierarchical dialogue through all levels of ps. an. interests. The form of discussions planned in Vienna, which again repeats the existing hierarchical and bureaucratic structures of ps. an. systems would therefore be a regression into norms we are about to overcome" (undatierter Brief an J.M. Goodburn und M. Spira).
Wie sehr der Wiener Kongress noch von der 68er Aufbruchstimmung geprägt war, kann in Erica Jongs "Angst vorm Fliegen" nachgelesen werden. In Wien fanden tatsächlich gleichzeitig drei Kongresse statt: Der offizielle Kongress der IPA, ein Vorkongress der zu gründenden Studentenorganisation (IPSO) und der "Platformday" am 28. Juli, begleitet von täglichen informellen Meetings. Der "Platformday" stand unter dem Thema "Psychoanalytical Theory and Practice in the Light of Different Ways Towards Socialism". Im Memo Nr. 2 heisst es dazu:
"Participation at the official Ps. An. Congress or at Precongress is optional and should not be colliding with the Platform Program. This year PlatformProgram wants not to be agitatorial or demonstrative in the first place. Expansive and organisational matters are of secondary importance! Emphasis is put on the intensive and theoretical work. Participation of all adherents is indispensible (also in the preparatory work). No public of 'curiosity' is required" (Memo Nr. 2, 24.7.71).
Die PlattformMitglieder nahmen kritischintervenierend am Hauptkongress teil. Die Adressliste der PlatformInternational umfasste nach Wien 165 Namen aus 15 Ländern. Dennoch war auch in Wien Abspaltung kein Thema, schon gar nicht in der einträchtigen Zürcher Gruppe, der bei 32 PlatformAdressaten sechs SGPMitglieder angehörten (s. unten).
Die argentinische PlataformaGruppe hingegen trat Ende 1971 mit einer militanten Erklärung aus der Argentinischen Gesellschaft (APA) und damit aus der IPA aus. Die Austrittserklärung wurde übersetzt in der Märznummer 1972 des "Neuen Forums" abgedruckt. Darin begründen Marie Langer und 17 weitere Analytiker ihren Austritt mit Unstimmigkeiten über den Aufbau der psychoanalytischen Organisation und wenden sich gegen die "Pauschalideologie der psychoanalytischen Institution". Die Politik der APA verunstalte das psychoanalytische Denken und bewirke eine "Konsolidierung der hierarchischen Strukturen zum Vorteil der wirtschaftlichen Privilegien der herrschenden Klasse". Die vertikale Rangordnung der hierarchischen Autorität in der Vereinigung führe zu Ueberalterung und Bürokratie.
"Was uns von der Vereinigung trennt, ist, dass durch deren verbandsmässiges Funktionieren die Psychoanalytiker in das System integriert werden auch hinsichtlich ihrer Aufstiegserwartungen und ihres Rückzuges in eine strikt professionelle, apolitische und gesellschaftsfremde Praxis. Dies wird mit der 'Neutralität' des Wissenschafters begründet, und dies wiederum ist Teil einer ganzen systemstützenden Konzeption. Weder können wir als Menschen an gesellschaftlichen Veränderungen teilhaben, weil uns der Professionalismus aufbraucht, noch können wir das als Psychoanalytiker, weil jeder Schritt in diese Richtung als 'ethische Gewalt' und 'Vermischung von Wissenschaft und Politik' angeprangert wird.
Deshalb sind wir auf dem Weg, andere Psychoanalytiker zu werden und andere hervorzubringen, indem wir alle vereinen, die ähnlich denken wie wir. Wir wollen wirkliche Psychoanalyse betreiben. Dies ist ein Entschluss, der uns verpflichtet, mit anderen Wissenschaftern und Berufstätigen zusammenzuarbeiten, die gleichfalls begreifen, dass Wissenschaft nicht zur Errichtung einer trennenden Mauer missbraucht werden darf, die sie der gesellschaftlichen Wirklichkeit entfremdet und in ein mystifizierendes und selber mystifiziertes Werkzeug im Dienst des bestehenden Systems verwandelt. Psychoanalyse ist für uns nicht identisch mit der offiziellen psychoanalytischen Institution. Die wirkliche Psychoanalyse ist dort, wo die wirklichen Psychoanalytiker sind" ("Neues Forum", März 1972, 40).
Die internationale PlatformBewegung hatte mit dem Wiener Kongress den Zenit bereits überschritten. Lediglich die argentinische, die italienische und die Zürcher Gruppe blieben untereinander in kontinuierlichem Kontakt.
Vor den grossen Auseinandersetzungen
Das Zürcher Seminar präsentierte sich in den Jahren 19721973, vor den grossen Auseinandersetzungen, die den Spaltungsprozess vorantrieben, wie folgt: Gemäss einer Enquète des UALeiters Emil Grütter im Sommer 1972 zählte das PSZ 82 Studierende, davon 42 Prozent mit Studium an der Medizinischen und 31 Prozent an der philosophischen Fakultät I. 27 Prozent waren Lehrer, nichtakademische Psychologen, Heilpädagogen, Sozialfürsorger und Theologen. "Das Gerücht, dass sich viele Nichtanalysierte 'eingeschlichen' hätten, stimmt nicht. Von den erfassten 78 Teilnehmern waren 73 in Analyse, 60 bei Mitgliedern der Gesellschaft, 5 bei fortgeschrittenen Kandidaten", erklärte Grütter. Ein Problem war allerdings, dass von den 69 Teilnehmern, die sich in Ausbildung zum Psychoanalytiker betrachteten, bloss 52 die Interviews mit zwei UnterrichtsausschussMitgliedern gemacht hatten. Es wird die Bildung lockerer und engerer Gruppen erwähnt, "welche mehr oder minder Machtansprüche haben oder geltend machen. Die bedeutendste ist zur Zeit die 'Plattform', wobei ein äusserer und innerer Kreis bestehen soll. Im Ausland werde die Plattform oft mit dem Seminar gleichgesetzt. (...) Um diese Gruppen ranken sich zahlreiche Gerüchte und Mythen, z.T. deshalb, weil dieselben nicht offen, sondern taktischverschwörerisch operieren und ihre wirklichen Ziele nicht voll äussern." Unter "Schlussfolgerungen" hiess es: "Dass die Qualität des Seminars absinke scheint mir eine unbewiesene Behauptung. Die Studenten besitzen im allgemeinen eine genügende Vorbildung und sind oder waren auch meist in Psychoanalyse" (Grütter, Bericht vom 23.10.72).
Wie stand es zu diesem Zeitpunkt mit der kollektiven Weigerung der Kandidaten, in die SGP einzutreten? Weil ältere Analytiker vermuteten, "es bestünde kaum ein Bedarf für einen Unterrichtsausschuss, insofern als die meisten Kolleginnen und Kollegen, deren Ausbildung im Gange ist, nicht die Absicht hätten, sich später um eine Mitgliedschaft bei der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse zu bewerben", fand sich kein Nachfolger für Grütter. Parin befragte deshalb die 44 Kandidaten, die Analysen im Einvernehmen mit dem SGPUnterrichtsausschuss führten, ob sie die Absicht hätten, einmal die Mitgliedschaft der SGP zu erwerben. 30 Kandidaten antworteten mit ja, 6 verneinten, 4 antworteten nicht.
"Von den 6 Nein sind nur zwei ohne Vorbehalt ausgesprochen worden; 4 waren mit einschränkenden Bemerkungen versehen: 'zumindest vorerst nicht', 'z.Zt.', 'until further consideration', 'in den nächsten drei Jahren.... nicht'. (...) Von 40 Analytikern in Ausbildung haben also 30 ein Interesse an der SGP, 8 unter Umständen oder vielleicht später, 2 kein Interesse an ihr" (Parin, 10.3.1973).
Parin interpretierte das Resultat als Ausdruck des Willens der überwiegenden Mehrzahl der Kandidaten, der Gesellschaft beizutreten, und übernahm im Juni 1973 selbst den Vorsitz des Unterrichtsausschusses. Bereits im März hatte er Grütter geschrieben: "Gleichzeitig könnte man bekannt geben, dass es von jetzt an nicht mehr 'Kandidaten' gibt, sondern nur 'Psychoanalytiker in Ausbildung' (psychoanalystes en formation)" (Parin, 28.3.73).
In der Tat gab es zu dieser Zeit am Seminar drei latente Konfliktherde:
Im Oktober 1971 hatten sich die Kandidatenvertreter im Unterrichtsausschuss besorgt über "die Gefährdung der Qualität dieser Ausbildung" gezeigt. In einem Brief an die UAMitglieder räumten sie zwar ein, dass sie die "offene Haltung des hiesigen Unterrichtsausschusses zu schätzen" wüssten. Wichtige Entscheidungen über den beruflichen Stand der Kandidaten würden indessen "unter Zeitdruck large und rasch besprochen":
"Wir hatten, man verzeihe uns dies, in letzter Zeit zu oft den Eindruck eines antiautoritären Defätismus. Wir sind zwar gegen jede Form der autoritären Führung, wissen aber, dass gerade solche freieren Modalitäten vermehrte Klarheit und Gewissheit erfordern" (Brief des Kandidatenvertreters Pedro Grosz an die UAMitglieder, Oktober 1971).
Nach Judith Valk formulierten EickeSpengler, Meerwein und Morgenthaler auf diese Vorhaltungen hin "Das Studium der Psychoanalyse Ein Rahmenprogramm zur Orientierung der Kandidaten des Seminars"; Es wurde im Sommer 1972 vom UA der SGP herausgegeben. Im Winter 1972/73 erhobene Verbesserungsvorschläge für den Seminarbetrieb sprachen sich mehrheitlich gegen "pseudoantiautoritäre Haltung" und für grössere Strukturierung des Seminars aus.
Der zweite Konfliktherd scheint im GrütterBericht bei der Erwähnung der fünf Teilnehmer auf, die bei fortgeschrittenen Kandidaten in Analyse waren: Nach dem Vorrecht der SGPMitglieder, am Seminar Vorlesungen halten zu dürfen, war in der Tat auch das Privileg der "Lehranalyse" ins Wanken geraten. Dies war sowohl die implizite Folge des schweizerischen Verzichts auf den LehranalytikerStatus, auf eine Anfangsselektion (durch Wahl des Analytikers) als auch Ausdruck einer offenen Haltung gegenüber den "SeniorKandidaten", deren Ausbildung eigentlich schon längst abgeschlossen war. Im offiziellen Informationsbulletin des Unterrichtsausschusses der SGP hiess es noch im Februar 1974:
"Die ordentlichen Mitglieder der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse werden vom Unterrichtsausschuss für Analysen zum Zweck der Ausbildung empfohlen, als 'Lehranalytiker'. Wünscht jemand seine Analyse bei einem Analytiker zu machen, der nicht Mitglied der Gesellschaft ist, oder hat er dies bereits unternommen, wird es wie bei jeder Analyse vom Ergebnis abhängen, ob diese Analyse für die Ausbildung zureichend ist. (Im Zweifelsfall Auskunft beim Unterrichtsausschuss)" ( SGPInformationsbulletin, Februar 1974).
Tatsächlich wurden an der psychoanalytischen Ausbildung interessierte Personen von damaligen UALeitern auch an SGPNichtmitglieder überwiesen. Der damalige SGPPräsident Fritz Meerwein bestätigt diese Praxis; solchen Analytikern sei angeraten worden, die Kontrollanalysen von SGPMitgliedern supervisieren zu lassen; davon wurde dann abhängig gemacht, ob im Falle eines Eintrittsgesuches eine Zweitanalyse bei einem SGPMitglied verlangt wird. Im erwähnten Bulletin heisst es dazu: "Kontrollanalytiker sollten erfahrene, von der Gesellschaft anerkannte Analytiker sein."
Der dritte Konfliktherd betraf die oben bereits erwähnte Gruppenbildung. Früher und deutlicher als auf der Ebene des Gesamtseminars wurde die Frage der Macht innerhalb der Plattform selbst gestellt:
"I. (Ita GroszGanzoni, Anm. T.K.) drückt meiner Meinung nach ein Hauptproblem der hiesigen Struktur aus. Es besteht ein Gefälle in der Information, die notwendigen Austauschmöglichkeiten existieren nicht, die Exklusivität der Gruppen ist zum Teil Ausdruck einer Vermischung von persönlichen Freundschaften und Arbeitsbeziehungen" (PlattformProtokoll, 26./27.8.72).
Zur befreundeten Kerngruppe, dem sogenannten "Pokerclub", gehörten Berthold Rothschild, Marianna Bolko, Arno von Blarer, Irene Brogle, Piero Galli, Pedro Grosz, Emilio Modena, Judith Valk und Ilka von Zeppelin. Die Die Plattform war bereits zu diesem Zeitpunkt selbst zum Schauplatz ideologischer Auseinandersetzungen geworden. Sie besass nicht die Homogenität, die sie nach aussen präsentierte, und die von ihren Kontrahenten immer wieder beschworen wurde. Auch im September 1972 ging es um Spannungen innerhalb der Plattform selbst: Die "Kerngruppe" müsse sich überlegen, wie sie praktisch zur Expansion der Plattform stehe. "Den Hauptwiderspruch sehen wir in einer persönlichen und einer sachlichen Ebene" (Ergänzung zum PlattformProtokoll, 23.9.72).
In den erwähnten Verbesserungsvorschlägen wurde unter dem Titel "Gruppengegensätze" den divergierenden Gruppen empfohlen, das Malaise untereinander zu diskutieren und zu formulieren, und das Resultat dem PSZ vorzulegen: "Die Gesamtsituation und Konfliktsituation sollte in einem Organisationstraining geklärt werden", "sonst könne nichts wirklich Gemeinsames realisiert werden". Dieser Gruppenkonflikt wurden 1972 am PSZ erstmals bei einer Einladung der welschen Kandidaten deutlich, als die Plattform den offiziellen Programmpunkt des Besuchs der Klinik Schlössli mit einer Abstimmung unterlief.
Die geplatzte Mitteleuropäische Arbeitstagung von Interlaken
Ein weitere innerzürcherische Auseinandersetzung entbrannt 1973 im Gefolge von Entlassungen von zwei PSZTeilnehmern bei der staatlichen "Akademischen Berufsberatung". Die restaurative Demontage der Errungenschaften von 1968 war, unterstützt von der wirtschaftlichen Rezession, in vollem Gang. Die Entlassungen standen in Zusammenhang mit der Neustrukturierung des mittelschulpsychologischen Dienstes im Kanton Zürich. Die politisch engagierten Entlassenen hatten sich zusammen mit weiteren Mitarbeitern für ein Modell eingesetzt, das die Beratungstätigkeit dem Einfluss der Schulleitungen entziehen wollte, was auf den Widerstand der Schulen stiess. Dabei kam es zu einem Konflikt zwischen den Mitarbeitern der Stelle auf der einen Seite und dem Stellenleiter sowie der vorgesetzten Behörde auf der anderen. Nach mehrmonatigen Auseinandersetzungen erfolgten die Entlassungen. Beide, der Stellenleiter wie die Entlassenen, waren Teilnehmer des PSZ. Die Seminarleitung machte den Konflikt in offensichtlicher Solidarisierungsabsicht zum Thema einer Versammlung über "Die Stellung des Analytikers im Staatsdienst" und zitierte den Stellenleiter vor die Teilnehmerversammlung. Dieses "Jakobinerstück" (Rothschild) polarisierte seminarintern erneut zwischen institutionskritisch und fremden und institutionell etablierten Kräften.
Der Konflikt zwischen der SGP und der Wiener sowie der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung um die Organisation der neunten "Arbeitstagung der mitteleuropäischen psychoanalytischen Vereinigungen deutscher Sprache", die für 1974 in Interlaken geplant war, trug zwar zunächst zur Konsolidierung der psychoanalytischen Gruppe in der deutschen Schweiz bei. Interlaken hatte indessen Folgekosten, welche die interne Polarisierung energisch vorantrieben. Für die Durchführung der Arbeitstagung war 1974 die SGP verantwortlich. Nachdem in Zürich kein SGPMitglied für die Organisation gefunden werden konnte, wurde Jacques Berna vor seiner Rückkehr aus Hamburg mit den Vorbereitungsarbeiten beauftragt. Als Themen waren "Depression" und "Psychoanalyse und Gesellschaft" vorgesehen. Während das zweite Thema weitgehend von Schweizer Referenten bestritten werden sollte, sondierte Berna in den Sommermonaten 1973 für das Depressionsthema in Deutschland und Oesterreich. Am 8. August wurde Wilhelm Solms offiziell um ein Referat angefragt und am 5. September wieder ausgeladen. Die Absage wurde damit begründet, dass die Mitglieder der Schweizer Gesellschaft die Schilderung der depressiven Position durch einen Kleinianer und ein Korreferat von Paula Heimann dem Vortrag von Solms vorziehen würden. Diese Absage traf bei Solms indessen nicht ein, der das Referat am 6. Oktober bestätigte. Die erneute Absage durch Berna datiert vom 22. Oktober. Solms erinnerte in seiner Antwort vom 29. Oktober als erster an den bisherigen Brauch, dass das gastgebende Institut sich mit den anderen Instituten über die Themen und die Referenten verständigte, kritisierte auf dieser Grundlage die Beschlussfassung durch die Schweizer Gruppe als eigenmächtig und befürchtete, dass die Arbeitstagung nun umfunktioniert worden sei.
Erst im November kam neben dem Streit um Information und Art der Beschlussfassung der zweite, zentrale Konfliktpunkt aufs Tapet: Der inzwischen eingeschaltete Vorsitzende der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung, Wolfgang Loch, bemängelte, dass am vorgesehenen Panel über "Psychoanalyse und Gesellschaft" unter dem Vorsitz von Ulrich Moser nicht nur Mitglieder der IPV teilnehmen sollten, sondern auch die von Rom und Wien bekannten "Kandidaten" Berthold Rothschild, Piero Galli und Enzo Codignola nach Meinung Lochs ein Bruch der bisherigen Traditionen und eine äusserst ernste Angelegenheit (18.12.73). Im offiziellen Schreiben der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung spricht Harald LeupoldLöwenthal am 18. Dezember erstmals von einem Rückzug, wenn die anstehenden Fragen nicht geklärt werden könnten. Der Präsident der Schweizerischen Gesellschaft, Fritz Meerwein, machte am 21. Dezember einen ausführlichen Vermittlungsversuch:
"Ueber den Charakter der Tagung kann man wohl zweierlei Meinung sein. Man kann sie als eine Visitenkarte der jeweils veranstaltenden und einladenden Gesellschaft verstehen oder man kann die Auffassung vertreten, die Tagung werde von allen Gesellschaften oder Vereinigungen gemeinsam vorbereitet und durchgeführt und es wechsle lediglich das Sekretariat und der Tagungsort" (Meerwein an Loch, 21.12.73).
Er wies den Vorwurf des Traditionsbruchs zurück, bezeichnete die Ausladung Solms hingegen als "bedauerliches Malheur" und "Betriebsunfall", für den er sich bei Solms im Namen der SGP entschuldigte. In seiner Antwort vom 27. Dezember geht Loch nochmals auf die zwei strittigen Punkte ein; für den Fall, dass keine zufriedenstellende Lösung um den Konflikt um die Einladung Solms zustande kommen sollte, werde die DPV aus Solidarität mit der Wiener Vereinigung voraussichtlich nicht nach Interlaken kommen. Trotz weiterer Korrespondenz über die Weihnachtstage 1973/74, welche die Verhandlungsbereitschaft der Organisatoren dokumentiert, beschloss der Vorstand der Wiener Vereinigung am 8. Januar 1974 überraschend den Rückzug, weil er nicht glaube, "dass zu einem so späten Zeitpunkt das Programm noch konstruktiv umgestaltet werden kann, da die Vorbereitungszeit für eventuelle neue Referate zu kurz ist":
"Die Wiener Psychoanalytische Vereinigung sieht sich ausserstande unter den gegebenen Umständen als mitveranstaltende Vereinigung der 'Tagung Interlaken' zu fungieren. Sie ersucht daher ausdrücklich von der Bezeichnung dieser Tagung als Tagung deutschsprachiger mitteleuropäischer Vereingungen abzusehen und sie auch nicht als mitveranstaltende Vereinigung in Aussendungen und Programmen zu nennen" (Brief Leupold-Löwenthal an Meerwein, 9.1.74).
Am 15. Januar beschloss der deutschschweizerische SGPUnterichtsausschuss, die weiteren Vorbereitungsarbeiten einzustellen. Im Brief Meerweins an die beteiligten Vereinigungen hiess es:
"Insofern das Scheitern der Tagung auf ungenügende Vorbereitungsarbeiten zurückgeht, möchte sich unsere Gesellschaft, wie ich mehrfach zum Ausdruck gebracht habe, bei den mitveranstaltenden Vereinigungen und den betroffenen Kollegen entschuldigen. Andere Probleme, die zu Spannungen geführt haben, werden in Zukunft durch intensivierte Kontakte und Klarstellungen bereinigt werden müssen" (Meerwein, 17.1.74).
Das "Interlakener Lehrstück"
Die Plattform verfasste nun in Kenntnis des Briefwechsels über das Scheitern der Tagung ein zunächst als "intern" bezeichnetes Arbeitspapier, das im Juni im Seminar diskutiert wurde. Es fasste die Ereignisse zusammen, verwarf die Haltung, dass solche Arbeitstagungen "schon immer von den Altmeistern der Psychoanalyse nach eigenem Gutdünken und im einsamen Entschluss" organisiert wurden und die "Jungen" deshalb nichts angingen wie auch die in diesem Konflikt mögliche Haltung der Personifizierung und des Klatsches. Das Seminar habe ein Interesse an eingehender Information, damit es nicht nur formal, sondern auch inhaltlich diskutieren und entscheiden könne:
"Eine solche EntscheidungsFähigkeit ist notwendig, da durch die Interlakener Affäre eine ernste Krise zwischen der Schweizer und anderen Psychoanalytischen Gesellschaften entstanden ist, welche Folgen auf allen Ebenen haben kann" ("Das Interlakener Lehrstück", 1974, 3).
In einer "politischen Analyse" wies die Plattform auf das Fehlen inhaltlicher Kritik am Programm der Tagung hin und meinte, dass es wohl gerade dieses Programm war, das zum Boykott geführt habe:
"Man bedenke: Hatte nicht der in Deutschland (zu Recht oder Unrecht) als 'Linker' verschriene J. Berna den 'Anarchisten' Dr. Teuns, den Ostdeutschen Prof. Höck und dazu noch die Organisatoren des Römer 'Antikongresses' von 1969, Drs. Galli und Rothschild eingeladen? Und hatte nicht Dr. Morgenthaler am 28. Kongress (Int. Psan. Kongress) in Paris in der Schlussdiskussion in einem vielbeachteten Votum die Oeffnung der Psychoanalyse gegenüber den Sozialwissenschaften und dem Marxismus gefordert" (op. cit., 4).
Nach Meinung der Plattform war das Entscheidende für das Scheitern von Interlaken, dass man "sich in der IPA bei der Konservierung und Perfektionierung überholter Strukturen nicht mehr auf Zürich verlassen" könne: "Der Boykott von Interlaken war eine Warnung. Man braucht sie kaum zu fürchten, aber man muss sie zur Kenntnis nehmen" (S. 8). Es könne deshalb ein Zeichen von Verantwortung sein, sich einer solchen Organisation gegenüber kritisch und distanziert zu verhalten, "um nicht eine Theorie mit der aus ihr hervorgegangenen Herrschaftsstruktur identifizieren zu müssen" (S. 9).
Erhebliche Folgen auf verschiedenen Ebenen hatte die im Arbeitspapier enthaltene, mit Zitaten versehene Diskussion des Briefes vom 27. Dezember 1973, den Wolfgang Loch als Vorsitzender der DPV an den SGPPräsidenten Fritz Meerwein geschrieben hatte. Noch vor der Diskussion im Seminar hatte Meerwein die Verfasser darauf aufmerksam gemacht, dass Briefe persönlichkeitsrechtlich geschützt sind und nur mit Ermächtigung des Autors veröffentlicht werden dürfen. Der Briefwechsel war übrigens unter bis heute ungeklärten Umständen in die Hände der Plattform geraten und zunächst seminarintern versandt worden. Entgegen dem Votum von Meerwein beschloss das Seminar am 7. Juni 1974, das "Interlakener Lehrstück" über das Seminar hinaus an "alle durch das Scheitern der Arbeitstagung betroffenen Psychoanalytischen Institute und andere Ausbildungsstätten zu verschicken". Die Publikation dieses Briefwechsels in der Nr. 4 (1975) der italienischen Zeitschrift "Psicoterapia e Scienze Umane" führte im März 1976 schliesslich zum Austritt Meerweins und der damaligen SGPVizepräsidentin Martha EickeSpengler vom Psychoanalytischen Seminar Zürich (s. u.).
Das Scheitern von Interlaken führte in der deutschen Schweiz zunächst zu keiner sichtbaren Entfremdung zwischen dem PSZ und der SGP: Im PSZBericht zuhanden der Jahresversammlung 1974 wurde es nicht einmal erwähnt. Hingegen wurde über eine Reorganisation der wissenschaftlichen Seminarleitung informiert, die nunmehr aus vier bis fünf Personen, davon mindestens ein ordentliches SGPMitglied, bestehen soll. In ähnlicher Logik wie im Memorandum Morgenthaler hiess es: "Diese Umstrukturierung steht nicht im Widerspruch zu den Statuten der SGP. Das Vertrauen in die Seminarleitung ersetzt eine genauere Reglementierung der Einzelheiten" (S. 3). Die erwähnte Jahresversammlung 1974 beschloss eine von Meerwein und Grütter angeregte Statutenänderung, welche das Verhältnis zu den Ausbildungsstätten und damit auch zum PSZ genauer definierte:
"Die Gesellschaft wählt einen Unterrichts-Ausschuss, dessen Tätigkeit durch ein von ihr erlassenes Reglement geregelt wird. Sie kann ferner Unterrichtsbetriebe (Institute, Seminarien, Bibliotheken, Ausbildungszentren) in deren Leitung sie vertreten ist, als theoretische und praktische AusbildungsStätten in Psychoanalyse anerkennen und unterstützen" (SGPStatuten, Art. 13bis).
Gemäss dem ebenfalls gutgeheissenen neuen Reglement für den UnterrichtsAusschuss erfolgt eine solche Anerkennung mit einfachem Mehr, ein späterer Entzug mit Zweidrittelsmehrheit, an der der Aberkennungsantrag Miller 1976 scheiterte (s.u.). Die zwei Entscheidungen stellten in der Tat sich entsprechende Präzisierungen des Verhältnisses zwischen der SGP und dem Seminar dar: Während aus dem PSZBeschluss nunmehr klar hervorging, dass das Seminar nicht über eine Mehrheit von SGPMitgliedern geführt wird, gab sich die SGP mit dem Passus "in deren Leitung sie vertreten ist" mit der Einsitznahme ohne Mehrheit zufrieden.
Vom Informationsbulletin zum Führungsanspruch von oben
Grundsätzliche Divergenzen in der Frage der Kontrolle der psychoanalytischen Ausbildung wurden indessen im April 1974 sichtbar, als die welschschweizerische Sektion des Unterrichtsausschusses beschloss, die im Januar vom gesamtschweizerischen UA genehmigte Neufassung des Informationsbulletins über die psychoanalytische Ausbildung nicht mehr zu unterstützen. Die Divergenz bezog sich auf zwei Fragen: Ob der UnterrichtsAusschuss für die Analytiker in Ausbildung eine beratende oder bewilligende Funktion ausüben und ob der Status des Analytikers ersten Grades (ohne Kontrollfälle) abgeschafft werden solle. Der welsche Rückzug führte zu einer erheblichen Irritation bei den deutschschweizerischen Funktionsträgern der Gesellschaft und fand im Oktober 1974 breite Erwähnung im "Newsletter" des SGPPräsidenten. An einer Sitzung des gesamtschweizerischen Unterrichtsausschusses am 25. Januar 1975 in Bern wurde der Konflikt ausführlich diskutiert; dabei wurden die Differenzen zwischen der welschen und der Zürcher Ausbildungspraxis angesprochen und wiederholt Gerüchte erwähnt, wonach die Zürcher Ausbildung von der IPA nicht mehr anerkannt würde. An der Sitzung wurde in der Tat auch ein von Meerwein angeregter Besuch von IPAPräsident Serge Lebovici und Sekretär Daniel Widlöcher in der Schweiz besprochen "to eradicate the general mistrust in our system which can be felt very clearly on all levels of the International Psychoanalytical Setting" (Meerwein, 2.10.74). Nach diesem Treffen schlug SGPVorstandsmitglied René Henny als Sprecher der welschen Teilnehmer die Verabschiedung einer von Michel Gressot ausgearbeiteten "Déclaration organique" zur Erhaltung der Einheit der Gesellschaft vor; sie beinhaltete eine Unterteilung der SGP in teilweise autonome regionale Gruppen und wurde bereits für die Jahresversammlung von 1975 traktandiert. Die Versammlung beschloss Eintreten und bestellte unter Hennys Vorsitz eine "Arbeitsgruppe zur Ausarbeitung von Vorschlägen zur Neuorganisation und zur Revision bzw. Neufassung der Gesellschaftsstatuten z.H. der folgenden Jahresversammlung" (Traktandenliste 26.4.75).
Im zwölfseitigen Entwurf des Berichtes dieser Arbeitsgruppe wurde nun erstmals vorgeschlagen, den 1974 verabschiedeten, oben erwähnten Anerkennungsartikel 13bis bereits wieder rückgängig zu machen:
"C'est pourquoi il nous paraît souhaitable de revoir l'article 13bis des statuts pour que les membres de la Société restent majoritaires au sein de l'administration des centres de formation de la SSP. Chaque institution d'enseignement devrait s'organiser en fonction d'un règlement interne qui lui est propre, qui devrait être accepté par l'ensemble des membres de la SSP en Assemblé générale, ce règlement impliquant la participation des analystes en formation, ceuxci ayant suivant l'originalité propre du Centre soit voix consultative, soit un vote décisionnel, mais allors dans une composition qui implique une majorité de membres de la Société et non pas, selon la modification des statuts actuels, par une seule représentation au niveau de la Direction" (Arbeitsgruppe Henny, verschickt am 12.4.76).
Dieser Revisionsvorschlag stellte das 1974 geklärte Verhältnis zwischen SGP und PSZ wieder in Frage und war zweifellos ein Angriff auf die Selbstbestimmung des Zürcher Seminars. Parin distanzierte sich vor der Jahresversammlung vom 22. Mai 1976 prompt von diesem Bericht und trat aus der Arbeitsgruppe aus. Materiell kamen die Vorschläge zur Statutenrevision erst 1977 zur Abstimmung sie bildeten den Hebel, mit welchem die Autonomie des PSZ aus den Angeln gehoben werden sollte.
Das ModenaHauserPapier
Ausser Parin bemerkte im Seminar praktisch niemand die aufkommende Gefahr aus dem Welschland: Das PSZ war seit Oktober 1975 von einer heftigen internen Auseinandersetzung absorbiert, die geradewegs auf den Aberkennungsantrag von Alice Miller (s.u.) hinführte. Ausgangspunkt waren Einführungsthesen zu einer Study Group über "Möglichkeiten psychoanalytischer Forschung aus marxistischer Sicht", im Oktober 1975 verfasst von Ursula Hauser und Emilio Modena:
"Der konkrete gesellschaftliche Bezugsrahmen für eine psychoanalytische Forschungsgruppe ist das Psychoanalytische Seminar Zürich, weil es nur hier eine organisierte Bewegung von Psychoanalytikern gibt, welche die Konfrontation verschiedener Tendenzen innerhalb der Freud'schen Psychoanalyse garantiert. Die politische Situation am Seminar ist gekennzeichnet durch den erfolgreichen Abschluss einer Kampfphase von kleinbürgerlichradikaldemokratischen gegen bürgerlichautoritäre Kräfte, was zu einer formalen Demokratisierung der Seminarstrukturen geführt hat. Der Kampf zwischen bürgerlichen, kleinbürgerlichen und proletarischen Tendenzen und Ideen dehnt sich infolgedessen heute auf das Gebiet der Lehrinhalte und der psychoanalytischen Konzeptualisierung aus. Laut einem PlattformBeschluss vom Frühjahr 1975 geht es längerfristig um den Aufbau eines 'sozialistischen Institutes'" (Modena & Hauser, Einführungsthesen, 1.10.1975).
Und: "Ein Institut setzt die Lösung vielfältiger organisatorischer, gewerkschaftlicher und theoretischer Probleme voraus, es steht und fällt aber mit der Existenz mindestens einer in gewissen Grenzen homogen denkenden und im Fachbereich auch homogen handelnden Kerngruppe. Eine solche wird in dem Masse eine intellektuelle und ideologische Führung beanspruchen und die bisher vorherrschende bürgerliche Ideologie verdrängen können, als es ihr auf der Grundlage des dialektischen Materialismus gelingt, richtige theoretische Antworten auf die praktischen Probleme in der psychoanalytischen Arbeit zu finden und zu vermitteln. Dies setzt intensive Forschung voraus" (op. cit.).
Dieses interne Papier für Interessenten der Study Group kam nun Ulrich Moser zur Kenntnis, der auf diese Provokation einer PlattformFraktion mit einem dreiseitigen Brief an die Seminarleitung, den Unterrichtsausschuss und den Präsidenten der SGP reagierte. Er beklagte darin den stetigen Verlust des wissenschaftlichen Rufes des Zürcher Seminars und erklärte:
"Die Study Groups wurden eingeführt, um eine freiere Form der Literaturbewältigung zu finden. Es wurde auf Dozenten verzichtet (...) und damit auch die Forderung fallen gelassen, dass ein Mitglied der Gesellschaft eine solche Veranstaltung zu führen hätte. Es war aber damit nicht gemeint, dass in dilettantischer Weise Gruppen durchgeführt werden und noch weniger sollte die Zielsetzung darin bestehen, politische Strategie mit wissenschaftlicher Forschungsplanung zu vermengen" (U. Moser, 24.10.75).
Dass sich die Beteiligten sogleich darüber im klaren waren, dass sich hier ein heikler Konflikt anbahnte, kommt darin zum Ausdruck, dass die Seminarleitungssitzung, die sich damit befasste, in einem vertraulich bezeichneten fünfseitigen VerbatimProtokoll festgehalten wurde. Danach erklärte Ulrich Moser zum weiteren Procedere:
"l. Funktion der Sem.leitung klären und Funktion des UA. 2. Wie sollen St.Gr. konzipiert werden? (Kompetenz der Leiter etc.) 3. Ruf des Seminars in der jetzigen Sit. wichtig (Sit. der nichtärztlichen Psychotherapeuten schwierig. Frage der Praxiserlaubnis. Grundausbildung der nichtärztl. Therapeuten etc.) Image muss deshalb gepflegt werden. Und: Demokratische Spielregeln müssen eingehalten werden" (SeminarleitungsProtokoll, 9.1.76, 4).
Der Passus über die nichtärztliche Psychotherapie stand in Zusammenhang mit einer vom Daseinsanalytiker Gion Condrau im Zürcher Kantonsparlament angeregten Reglementierung der nichtärztlichen Psychotherapie, die in den folgenden Jahren grosse Aengste vor staatlicher Nichtanerkennung hervorrief und als Damoklesschwert über dem PSZ hing. Die entsprechende Verordnung wurde nach der Spaltung in einer Volksabstimmung schliesslich verworfen. Die Seminarleitung griff die Mosersche Kritik auf und setzte die angesprochenen Punkte in moderierter Form auf die Tagesordnung einer Versammlung, wollte das ModenaHauserPapier und den MoserBrief indessen nicht an alle Teilnehmer verschicken, "um nicht Oel ins Feuer zu giessen" (Valk). Ulrich Moser warf daraufhin der Seminarleitung Verschleierung vor. Ein erster Anlauf, die aufgebrochenen Differenzen im Plenum zu besprechen, misslang aus verschiedenen Gründen völlig: Ulrich Moser konnte nicht teilnehmen, das Plenum war über die Papiere nicht im Bild, und Modena versuchte, den vor der Versammlung noch gar nicht dargelegten Konflikt zu einer grundsätzlichen Frage der Autonomie von Study Groups zu stilisieren. Der wiederholt kritisierte Informationsmangel führte gemäss Protokoll zu einer "spürbaren Unruhe" in der Versammlung, worauf die Diskussion abgebrochen wurde. Auf die drei Wochen später angesetzte Versammlung hin wurden die Unterlagen nun verschickt, zusammen mit drei Anträgen Mosers, welche die Zugänglichkeit der Study Groups, das Verfahren zur Aufnahme ins Programm und den Inhalt betrafen. Schliesslich regte er eine Neustrukturierung des Seminars an:
"Die Struktur des Psychoanalytischen Seminars ist der Aufgabe der Ausbildung von 300 Teilnehmern nicht mehr gewachsen. Die Seminarleitung hat nur die Pflicht, Beschlüsse auszuführen. Sie hat hingegen keinerlei Kompetenzen. Entscheide werden hin und hergeschoben, wobei gelegentlich auch der Unterrichtsausschuss einbezogen wird. Es fehlen zudem formulierte Regeln des Funktionierens sowie ein Gedächtnis, über das ein verantwortliches System verfügen müsste. Es wäre gut, wenn die jetzigen Erfahrungen zu einem Reflexionsprozess über diese Entscheidungsfähigkeit führen würden. Rechte und Pflichten von Teilnehmerversammnung, Seminarleitung und Unterrichtsausschuss müssen neu geregelt werden" (U. Moser, 25.2.76, 4).
Die Behebung des Informationsmangels trug indessen nicht zur Entspannung der Atmosphäre bei im Gegenteil: "Haben wir Krieg miteinander" fragte Grütter gemäss Protokoll vom 27.2.76, zu dem die Protokollführerin Judith Valk anmerkte: "Dieses Protokoll ist schlecht, erhebt keinen Anspruch repräsentativ zu sein. Die emotionale Atmosphäre, das Ausmass der Spannungen und des gegenseitigen Misstrauens verunmöglichten es mir, besser zu protokollieren." Die Versammlung lehnte einen Befangenheitsantrag Mosers gegenüber der Seminarleitung ab und sprach sich andererseits ohne Gegenstimme gegen das ModenaHauserPapier aus, das als ein "nicht offizielles, internes Arbeitspapier einer Study Group" bezeichnet wurde. Moser wurde der Vorwurf gemacht, aus einer schlechten Mücke einen Elefanten gemacht zu haben. Seine Anträge wurden an eine Kommission überwiesen, die eine Abstimmung im Sommersemester 1976 vorbereiten sollte (27.2.76).
Im Bericht zuhanden der SGPJahresversammlung 1976 schrieb Maria PfisterAmmende als SGPMitglied in der Seminarleitung dazu:
"In der Folge kam es zu einer höchst bewegten Konfrontation politisch divergierender Strömungen innerhalb des Seminars." "In diesem Prozess im PSZ verlor manch bestandener Lehranalytiker und mancher A.i.A. mit abgeschlossener Analyse die analytische Entspanntheit und Gelassenheit und griff zu politischtaktischen Mitteln wie Filibuster, Manipulation, Erpressung oder polternden Protest à la weiland Chruschtschow in der UNO in New York. Zum ersten Mal in der Geschichte der SGP, vielleicht auch der IPA, kam es zum politischen Druckmittel des Streikes, indem 8 Dozenten bis zur Klärung der Situation im Seminar ihre Vorlesungen einstellten" (Jahresbericht Seminarleitung, Pfister-Ammende, undatiert, 5f).
Der Aberkennungs-Antrag von Alice Miller
Zuhanden dieser Generalversammlung hinterlegte nun Alice Miller als Mitglied des Unterrichtsausschusses beim SGPPräsidenten Meerwein einen Antrag auf Entzug der Anerkennung des Seminars durch die SGP. In ihrem sechsseitigen Schreiben verglich sie die formale Struktur des Seminars mit der informellen und meinte damit die PlattformGruppe. Sie erklärte, dass die Beschlüsse der Plattform für die Seminarleitung bindend seien, so dass keine Möglichkeit bestehe, andere Meinungen innerhalb der Seminarleitung durchzusetzen. Es würde immer eine Mehrzahl aus PlattformMitgliedern gewählt (was für die damals amtierende Seminarleitung tatsächlich nicht zutraf); das SGPMitglied hätte eine reine Marionettenfunktion. In der ModenaHauserMoserAffäre hätte die Seminarleitung sich geweigert, Mosers Anliegen zu entsprechen, und versucht, die Sache zu bagatellisieren und geheimzuhalten. Junge Analytiker müssten generell mit grössten Aengsten und Ohnmachtsgefühlen kämpfen, wenn sie im Plenum ihre Meinung äussern wollten, und würden verspottet oder totgeschwiegen, wenn die Meinung von der Plattform abweiche.
"Wenn dies wirklich so ist, wenn innerhalb des Seminars nichts mehr zu ändern ist, was die vergeblichen Versuche von Prof. Moser beweisen, ist nicht jetzt aber der Moment gekommen, diesem Seminar die Anerkennung der SGP zu entziehen und ein anderes, geschlossenes zu gründen, wo nur potentielle Mitglieder der Gesellschaft ausgebildet werden könnten?" (Miller, 6.3.76, 5).
Alice Millers Anliegen wurde unterstützt von einem zwanzigseitigen Bericht von Alexander Moser, der ebenfalls die Beeinträchtigung der für die analytische Ausbildungsarbeit notwendigen Arbeitsatmosphäre durch die Politisierung des Seminars reklamierte. Vor allem aber würden Analysen und Kontrollen gefährdet:
"Die Teilnehmerversammlungen der letzten Zeit zeigten bei Teilnehmerzahlen von 60-100 Leuten alle Anzeichen üblicher politischer Massenveranstaltungen und offizieller Kampfdiskussionen mit Gruppenregressionen, Affektausbrüchen und persönlichen Diffamierungen. Es wäre unrealistisch, bei der Behandlung emotionell geladener Themata in einem solchen Rahmen etwas anderes zu erwarten. Solche Veranstaltungen sind ein schwerwiegender Einbruch in das Konzept der analytischen Abstinenz" (A. Moser, 1976, 12).
Er warf die Frage auf, ob dabei reale Erlebnisse geschaffen würden, die nicht mehr vollständig analysiert werden und den Analysenverlauf stören könnten, "und unter Umständen zusammen mit anderen Faktoren zu präautonomen Identifikationen mit politischen Haltungen des Analytikers Anlass geben" (S. 13). Zusammenfassend kam Alexander Moser zum Schluss:
"Ein blosser Reformversuch der gegenwärtigen Seminarstruktur würde zu endlosen, von der extremen Linken wohl begrüssten Kämpfen führen, welche ihre Existenz erneut legitimieren würden, aber auf die Dauer an den erwähnten grundlegenden Gefahren kaum etwas zu ändern vermöchten und die Arbeitsatmosphäre völlig zerstören würden. Die Auflösung des jetzigen Seminars und die Neugründung eines Seminars, dessen Organisation sich unter Berücksichtigung von Mitsprache und Mitbestimmungsmöglichkeiten in den Händen der SGP befindet, erscheint unumgänglich" (op. cit., 20, Unterstreichungen des Autors).
Am 28. März 1976 traf wie erwähnt ein Nachbeben von Interlaken das aufs äusserste angespannte Seminar: SGPPräsident Fritz Meerwein und Vizepräsidentin Martha EickeSpengler zogen sich wegen der unautorisierten Veröffentlichung der Briefwechsel MeeweinLoch, MeerweinEhebald und MeerweinRichter in der italienischen Zeitschrift "Psicoterapia e Scienze Umane" von Seminar zurück "bis die Seminarleitung abgeklärt hat, wie es zu dieser Veröffentlichung gekommen ist und welche Schritte sie in dieser Angelegenheit zu unternehmen gedenkt". Herausgeber der Zeitschrift waren die PlattformMitglieder Arno von Blarer, Marianna Bolko, Piero Galli, Emilio Modena und Berthold Rothschild.
In Beantwortung eines weiteren Briefs des SGPPräsidenten bekräftigte die Seminarleitung nochmals den Willen, bei der Neustrukturierung des Seminars mitzuhelfen. Sie fühle sich dabei allen Teilnehmern und Gruppierungen verpflichtet, die sich für die Förderung der Freudschen Psychoanalyse einsetzten. Sie distanzierte sich nochmals vom ModenaHauserPapier und bedauerte die Veröffentlichung des Briefwechsels von Interlaken. Sie verwies zudem auf die Arbeit der im Februar eingesetzten Strukturkommission und kündigte die Ausarbeitung einer Geschäftsordnung an. Schliesslich hiess es: "Wir meinen, dass der UA nicht nur seine beratende Funktion beibehalten, sondern sie intensivieren sollte. Um FeuerwehrSituationen zu vermeiden, in denen der UA sich genötigt sieht, durchzugreifen, sind eine kontinuierliche Zusammenarbeit und fruchtbare Auseinandersetzung erforderlich." Dem Schreiben war ein Zwischenbericht der Strukturkommission beigelegt. Ulrich Mosers Versuche, im Seminar etwas zu verändern, waren im Gegensatz zu den Aeusserungen von Alice Miller nicht vergeblich: Am 10. Mai wurden seine im Februar eingebrachten Anträge auf Vorschlag der Strukturkommission mit grosser Mehrheit gutgeheissen.
Tatsächlich war sich die Mehrheit der Seminarteilnehmer der Notwendigkeit von Strukturreformen bewusst Teile der uneinigen Plattform mit eingeschlossen: Bereits im Oktober 1975 hatte Rothschild die Ausbildung am Seminar kritisiert und die Frage aufgeworfen, "ob nicht unter dieser 'demokratisierten Situation' es gerechtfertigt wäre, wieder klare AusbildungsStufen und evtl. Selektionsmechanismen einzuführen, da ja (durch die Demokratisierung), die Gefahr nicht bestehen sollte, dass solche (ohnehin vorhandenen) StufenBildungen autoritär und hierarchisch ausgenützt würden". Er kritisierte das Fehlen von Feedbacks über den Wissensstand der Studenten sowie die mangelnde Absprache und Kontinuität bei der Programmgestaltung. "Man wird ob es zu den eigenen Idealen passt oder nicht mit der Zeit nicht darum herumkommen, auch wieder gewisse Aufnahme und Eintrittsbedingungen für das Seminar einzuführen" (27.10.75). Selbstkritische Prozesse innerhalb der Plattform kommen in einer weiteren Aeusserung Rothschilds vom Januar l976 zum Ausdruck: "Unsere taktische Aktivität betr. Seminar war natürlich lange Zeit ein wichtiger Konsolidationsfaktor für uns selbst und für das Zürcher Seminar. Im Lauf der Zeit schien mir aber das permanente Taktieren im und um das Seminar immer hohler und ein Selbstzweck zu werden. Man nahm sich zu wichtig, überschätzte den eigenen Einfluss und war mehr und mehr zum strategielosen Manipulieren verurteilt." Auf Initiative anderer gab sich die Plattform im Dezember 1975 sogar selbst ein Statut. Vor allem aber schrieb Rothschild:
"Auch sollte einmal klar und offen die Frage des Beitrittes in die Gesellschaft besprochen werden, ohne latenten Terror und ungeschriebene Gesetze" (Rothschild, 26.1.76).
Aus anderen Dokumenten geht hervor, dass eine Diskussion über die Aufhebung der Uebereinkunft, nicht in die SGP einzutreten, in Gang gekommen war. Ilka von Zeppelin erinnert sich an einen Brief, in welchem mehrere Kollegen einen Eintrittsvortrag ankündigten (Judith Valk hatte die PlattformKollegen schon 19721973 davor gewarnt, dass sich bei Beibehaltung des Boykotts das Kräfteverhältnis in der SGP zugunsten der restaurativen Seite verschieben würde). Diese Diskussion schlug sich im erwähnten Bericht Alexander Mosers zuhanden der Jahresversammlung in folgender Befürchtung nieder:
"Die in Zukunft zu erwartenden taktischen Schritte sind noch nicht vollständig klar. Es zeichnen sich vor allem zwei Entwicklungsmöglichkeiten ab. Einmal wird versucht werden, zuerst das psychoanalytische Seminar in Richtung eines 'sozialistischen Seminars' weiter zu entwickeln. Sobald die 'sozialistische Gruppe' sich zahlreich und stark genug fühlt, um innerhalb der SGP nicht 'assimiliert' zu werden, könnte ein Masseneintritt der Linken in die SGP versucht werden" (A. Moser, 1976, 8).
Zu einer Aufhebung des Beschlusses kam es indessen nicht. Für eine derartige Kursänderung war es wohl auch bereits zu spät, da die SGPMehrheit beim damaligen Misstrauen einen Masseneintritt nicht goutiert hätte. Zuhanden der Jahresversammlung erklärte der Präsident des UnterrichtsAusschusses, Fred Singeisen, im Mai zuversichtlich:
"Nach der vorübergehend verwirrend gespannten Situation zeichnet sich nun also eine Klärung ab. Das Abstimmungsergebnis der letzten Teilnehmerversammlung trägt wesentlich zu ihr bei. So darf vorausgesehen werden, dass sich eine Einigung erzielen lässt mit einer Strukturordnung, die sowohl dem Seminar unter Gewährleistung seiner Autonomie als auch dem Unterrichtsausschuss in seiner Verantwortlichkeit gegenüber der SGP entspricht. Es ist notwendig, dass dem Seminar für die Erarbeitung einer allseits annehmbaren und verantwortbaren Lösung Zeit gelassen wird. Darum wäre es verfehlt, voreilige Beschlüsse zu fassen, welche den Entzug der Anerkennung des Psychoanalytischen Seminars Zürich durch die SGP bedeuten würde" (Singeisen, Mai 1976, 7).
An der Jahresversammlung vom 22. Mai 1976 stimmten bei 6 Enthaltungen 29 SGPMitglieder für die Aberkennung und 22 dagegen. Damit scheiterte sie an der erforderlichen Zweidrittelsmehrheit.
Spaltung oder Auflösung der SGP?
Zu diesem Zeitpunkt befand sich nicht nur das Seminar weiterhin in einer prekären Situation, sondern auch die Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse selbst, die in einen deutsch und einen französischschweizerischen Teil auseinanderzubrechen drohte. Wenige Tage nach der Jahresversammlung wurde von prominenter welscher SGPSeite die Flucht nach vorne angetreten und überraschend die Teilung ("cission") der SGP in eine französisch sprechende und eine deutschsprachige Gesellschaft vorgeschlagen, die angeblich mit der IPA abgesprochen worden sei. Parin, von Blarer und Grütter hätten die Modalitäten mit drei welschen Kollen in Bern bereinigen sollen. Das Ansinnen, das die offiziellen SGPGremien umging, wurde von den Zürchern am 27. Mai 1976 zurückgewiesen. Vor der im Mai beschlossenen ausserordentlichen Mitgliederversammlung vom 26. Juni machte René Henny einen ausführlichen Vorschlag zur Konfliktbereinigung zwischen den zwei Fraktionen, welcher die Einschaltung der IPA als Schiedsrichterin beinhaltete. IPAPräsident Serge Lebovici kam 1976 dann offenbar auf Beschluss dieser Versammlung (27 Ja, 22 Nein, 5 Enthaltungen; Notiz von Parin) tatsächlich nach Genf, hörte Alice Miller und Fritz Meerwein an, war aber nicht in der Lage, etwas Konstruktives zur Konfliktlösung beizutragen. In der SGP waren aber nicht nur deutsch und welschschweizerische Analytiker zerstritten, sondern auch die Welschen untereinander: Da an der MaiSitzung niemand mit dem vorgeschlagenen MeerweinNachfolger zusammenarbeiten wollte, kam keine Wahl zustande. Am 2. Juni schrieb Meerwein an die ordentlichen Mitglieder der Region Zürich:
"Anscheinend haben die welschen Kollegen noch immer keinen PräsidentschaftsKandidaten portieren können. Sollte es am 26. Juni zu keiner Wahl kommen können,wende ich Paragraph 7 (e) (i) der "Constitution and Byelaws of the International PsychoAnalytical Association" an. Dementsprechend wird der Sekretär unter den Mitgliedern des amtierenden Vorstandes durch diesen einen Präsidenten ad interim wählen lassen, der bis zur Wahl eines ordentlichen Präsidenten die Geschäfte der Gesellschaft führt. Andernfalls gilt die Gesellschaft gemäss Art. 77 ZGB als von Gesetzes wegen aufgelöst" (Meerwein, 20.6.76).
Schliesslich wurde André Haynal zum neuen SGPPräsidenten gewählt.
Am Seminar trieb die Strukturkommission die Bemühungen um die Restrukturierung voran. Sie legte nach Konsultation von Juristen im Juli ein sechsseitiges Paper über Seminarziele, Status der Teilnehmer, Organisation, Beziehung PSZSGP, Lehrbetrieb und Rechtsstatus vor. Ende September reichte sie eine vierseitige Geschäftsordnung für die Teilnehmerversammlung nach. Von November 1976 bis Februar 1977 wurden beide Vorschläge in mehreren Versammlungen diskutiert und bereinigt. Vor der Beschlussfassung wurde eine Dreierdelegation zur Kontaktaufnahme mit der SGP bestimmt. Sie machte den Vorschlag, eine gemischte Kommission zu erstellen, welche die beiderseitigen Vorstellungen gemeinsam erörtert und beurteilt. SGPPräsident Haynal wollte dazu erst die Jahresversammlung 1977 abwarten. Erstaunlicherweise regte sich im UnterrichtsAusschuss Widerstand gegen diesen Institutionalisierungsprozess: In Notizen eines Treffens von UA und weiteren SGPMitgliedern zirka im Januar 1977 hiess es:
"Morgenthaler bewirkte einen (momentanen!) Konsens: Der UA schien bereit auf eine Institutionalisierung der Ausbildung zu verzichten, die AiAListe aufzuheben, falls TV und SL [Teilnehmerversammlung und Seminarleitung, Anm. T.K.] ihrerseits bereit wären auf eine Institutionalisierung des Seminars zu verzichten" (undatiert).
Auf der Ebene der SGP bereitete der UnterrichtsAusschuss im Winter 76/77 nunmehr nichtregionalisierte, gesamtschweizerische Richtlinien für die psychoanalytische Ausbildung vor. Diese enthielten zwei kritische Passagen: Zum einen sahen sie vor, dass die SGP in den Leitungen der Ausbildungsinstitutionen die Mehrheit übernehmen sollte bei allfälliger Mitbestimmung der Analytiker in Ausbildung:
"Wenn die regionale Kommission des Unterrichtsausschusses nicht selber die regionalen Ausbildungsinstitutionen leitet und verwaltet, kann sie eine 'administrative Leitung' aus drei Personen bilden, von denen zwei Mitglieder des Unterrichtsausschusses sind" (Richtlinien für die psychoanalytische Ausbildung, März 1977; dieser Passus wurde später in diesem Wortlaut gutgeheissen).
Der andere Punkt betraf die Ausübung der Lehranalyse, die nunmehr wieder explizit den ordentlichen SGPMitgliedern vorbehalten werden sollte (s.u.; in der Praxis wurden die ausserordentlichen Mitglieder gleichgestellt). Anfang April nahmen Parin und Grütter zuhanden der Jahresversammlung zum Revisionsvorschlag Stellung und unterbreiteten ausführliche Abänderungsanträge. Für den Umstand, dass eine "so wenig ausgereifte" Neufassung vorgelegt wurde, machte Parin unter anderem verantwortlich, dass von vierzehn Mitarbeitern am Entwurf acht gar keine Erfahrung mit der Leitung und Organisation einer psychoanalytischen Gesellschaft hätten, "weil sie bis vor kürzester Zeit dazu gar nicht zugelassen waren":
"Kein einziges Mitglied des U.A. hat meines Wissens Erfahrungen in einem Gremium der I.P.A.. Diese personellen Umstände hätten sich wohl weniger ausgewirkt, wenn nicht, entgegen der Absicht einer vertieften Diskussion, der U.A. in Zürich auf die bisher übliche Einladung aller interessierter ordentlicher Mitglieder zu seinen Sitzungen verzichtet hätte und den nicht in den U.A. gewählten Kollegen jede Information über seine redaktionellen Beratungen verwehrt hätte" (Parin, April 1977, 2f).
Inhaltlich votierte Parin dafür, in den Statuten die Frage der Führung beziehungsweise der Anerkennung von Ausbildungsinstitutionen offen zu lassen: "International ist die 'Anerkennung' verbreiteter (z.B. alle psychoanalytischen Institute in den USA und in der Bundesrepublik) als die 'Führung' (z.B. Société Psychoanalytique de Paris)" (Parin, Vorschläge zur Statutenänderung, April 1977, 4). Schliesslich wies Parin darauf hin, dass mit der Neuregelung dem Seminar Zürich die Anerkennung mit einfachem Mehr entzogen werden könnte. Eine starke Minderheit hätte sich im Mai 1976 für die Aufrechterhaltung dieser Anerkennung ausgesprochen. Seither hätten SGPVorstand und SGPMitglieder wiederholt versichert, dass die Missstände durch gemeinsame Anstrengungen beseitigt werden sollten. Er wies auf die entsprechenden reorganisatorischen Schritte des Seminars hin und erklärte:
"Die Vorlage dieser Abänderung des Reglements scheint mir heute den Sinn zu haben, womöglich über den Willen einer starken Minderheit der stimmenden Mitglieder der Gesellschaft (die mehr als ein Drittel betrüge), hinwegzugehen" (op. cit.).
Nach dem Bericht des Seminarleitungsmitglieds Maria Pfister-Ammende an die Jahresversammlung 1977 zu schliessen war der Krieg im Frühjahr 1977 zuende:
"Das Zürcher Seminar konnte sich in diesem Jahre voll der psychoanalytischen Ausbildung widmen. Dazu arbeitete es intensiv daran, seine Struktur eindeutig und transparent zu gestalten. Es behielt die Qualität der Ausbildung und die breite Streuung seines Lehrangebotes bei. Das Seminar hat die schwere innere Krise des Vorjahres aus eigener Kraft überwunden und, in diesem achtzehnten Jahr seiner Existenz, die theoretische Ausbildung in der Freudschen Psychoanalyse fortgesetzt. Mit Genugtuung wurde festgestellt, dass die streikenden Dozenten sich für das kommende Semester wieder zur Verfügung stellen" (Jahresbericht, Pfister-Ammende, 28.4.77, 3).
Der Krieg war nicht zuende: An der SGPJahresversammlung vom 30. April 1977 gingen die Abänderungsanträge von Parin und Grütter unter. In den Statuten hiess es nunmehr: "Der Unterrichtsausschuss teilt sich in regionale UnterAusschüsse auf, die für die Leitung der Ausbildungszentren verantwortlich sind" (§ 13). Im Reglement für den UnterrichtsAusschuss wurden als Aufgaben vermerkt:
"3.3. Beratung der einzelnen Seminarleitungen bzgl. Unterrichtsbetrieb gemäss den Richtlinien der 'International PsychoAnalytical Association'. 3.4. Orientierung der Jahresversammlung über die Tätigkeit der einzelnen regionalen Seminare. Die Jahresversammlung entscheidet auf Grund dieser Berichterstattung, welche Seminarien sie als psychoanalytische Ausbildungsseminare im Sinne des in § 3 der Statuten festgelegten Vereinszweckes anerkennt" (Reglement für den Unterrichtsausschuss, 30.4.77).
Schliesslich wurde in den "Richtlinien für die psychoanalytische Ausbildung" die bereits zitierte Passage aufgenommen, wonach die regionale UAKommission eine "administrative" Leitung aus drei Personen, wovon zwei UAMitglieder, bilden könne, wenn sie das regionale Zentrum nicht selbst leite und verwalte (diese Richtlinien wurden erst am 28.1.78 definitiv verabschiedet). Die Vorhaltungen von Parin in bezug auf die Zweideutigkeit dieser drei Bestimmungen führten zu keiner Präzisierung. Im Bericht an das Seminar über diese Jahresversammlung stellte Parin fest:
"Die Schlussabstimmungen erfolgten mittels geheimen Verfahrens. Aus zahlreichen Diskussionsvoten und offenen Zwischenabstimmungen war einigermassen zu sehen, wer für die Beibehaltung einer offenen, liberalen Haltung bei der Uebung der Psychoanalyse und für das Selbstverwaltungssystem (wie es in Zürich besteht) ist: Die 'alten' Mitglieder in Zürich (Blarer, Grütter, Morgenthaler, Parin, ParinMatthèy, PfisterAmmende), die meisten Basler Mitglieder waren auf der liberalen Seite, daneben z.T. noch weitere Zürcher. Die meisten Romands (aber nicht alle!) bestanden auf der restriktiven Wendung. Jener Gruppe, die im Sommersemester 1976 den 'Dozentenstreik' unternommen hatte, war es offensichtlich wichtiger, rasch zu restriktiven Beschlüssen zu kommen als eine durchdachte und den Erfordernissen der Freudschen Analyse angemessene Regelung zu finden" (Parin, undatiert, 6f).
Und: "Für das Seminar Zürich bedeutet dies, dass es zwar noch eine von der TV gewählte und dieser verantwortliche Leitung hat, dass aber dieser Status der 'Anerkennung' des Seminars durch die Gesellschaft nicht mehr vorgesehen ist. Je nach der Auslegung der nicht gerade klaren neuen Regelung braucht es den Entzug der Anerkennung durch Abstimmung (gemäss Reglement), die mit einfachem Mehr zweifellos zustande käme, oder aber ist die Anerkennung bereits hinfällig, wenn die 'Richtlinien' als bindend angesehen werden, was nach den Statuten nicht, nach dem Text der Richtlinien aber sehr wohl der Fall ist. Praktisch sieht das so aus, dass wohl der Seminarbetrieb wie bisher weitergeht, bis der UA eine Initiative zur Aenderung desselben ergreift" (op. cit., 5).
Darauf liess der UnterrichtsAusschuss nicht lange warten: Am 16. Mai 1977 teilte er den Teilnehmern des PSZ mit, dass gemäss der Statutenrevison künftig die regionale UA's für die Leitung der Ausbildungszentren verantwortlich seien: "Dies bringt für das Zürcher Seminar eine Aenderung seiner Leitung mit sich. Der von der SGP gewählte UA der Region Zürich ersetzt die von den Teilnehmern des Seminars gewählte Seminarleitung."
In der Teilnehmerversammlung vom 20. Mai 1977 (Dokument 13) wurde über die SGPBeschlüsse informiert und hervorgehoben, dass diese wegen der Autonomie des Seminars rechtlich nur dann in Kraft treten könnten, wenn die PSZVersammlung das beschliesse. Dies war nicht der Fall: Sie beauftragte die Seminarleitung, alles zu unternehmen, um die bisherige lokale Autonomie des Zürcher Psychoanalytischen Seminars zu sichern und zu entwickeln" (20.5.77). Einen Tag später fand im Zürcher Bahnhofbüffet die vom Seminar bereits im Februar vorgeschlagene Kontaktnahme zwischen SGP, UA und PSZ statt, an der der Leiter des Unterrichtsausschusses, Fred Singeisen mit der Begründung, "der UA befinde sich auf dem Holzweg", zurücktrat. Es wurde ein Kompromissvorschlag Haynal angenommen, wonach der UA bekanntmachen soll, was er zu tun gedenke, und wonach die Seminarleitung und der UA noch dreimal miteinander zusammensitzen sollten. In den am 27. Mai verschickten "Richtlinien zur Gestaltung des Psychoanalytischen Seminars in Zürich" hielt der UA am Führungsanspruch fest. Er bot die Bildung einer "Teilnehmervereinigung" an, mit der sich der UA mindestens zweimal pro Semester bezüglich Programmgestaltung und Seminarführung beraten wolle: "Die Vereinigung kann auf eigene Rechnung mit Einverständnis des UA zusätzlich zum Seminarprogramm wissenschaftliche Vorträge veranstalten" und Studiengruppen organisieren. Bei allen im offiziellen SGPProgramm erscheinenden Veranstaltungen müsse mindestens ein Mitglied der SGP mitbeteiligt sein. Am 5. Juni wurde die Seminarleitung per Einschreiben aufgefordert, ein geeignetes Datum für die administrative Uebergabe vor dem 3. Juli vorzuschlagen.
Nach einer weiteren Versammlung am 8.6.77 teilte das PSZ dem UA mit, dass die Teilnehmer nicht bereit sind, das Seminar dem UA zur Leitung zu übergeben. Das Seminar betrachte sich als eine von der SGP unabhängige Körperschaft. Nachdem die SGP einen eigenen Seminarbetrieb in Zürich führen wolle, gehe es darum, "mögliche Formen der Koexistenz und Zusammenarbeit" zu finden. In Beantwortung dieses Schreibens betrachteten Vorstand der SGP und regionaler UA die Verhandlungen als gescheitert.
Am 1. Juli verabschiedete das Seminar eine von Parin verfasste Absichtserkärung (Dokument 14). Für den Fall, dass der UA daran festhalten sollte, das Zürcher Seminar als geschlossenen und vom UA geführten Schulbetrieb neu zu organisieren, solle das PSZ als offene Arbeitsgemeinschaft weitergeführt werden. Das PSZ verzichte darauf, "eine Diplomierung, einen Status oder eine offizielle Anerkennung ihrer Mitglieder einzurichten", sowie auf den Anspruch, dass die von ihr gebotene Ausbildung von der Schweiz. Gesellschaft für Psychoanalyse anerkannt würde. Es sei bestrebt, den Betrieb und die Führung der Ausbildungsinstitutionen der SGP in keiner Weise zu behindern oder zu beeinträchtigen. Da der Unterrichtsausschuss zunächst erklärt hatte, er würde vor der SGPVersammlung im September nichts unternehmen, wurde zudem eine Delegation mit dem Auftrag gewählt, den Seminarstandpunkt der SGP gegenüber zu vertreten.
Dazu kam es nicht mehr: Mit Datum vom 27. Juni 1977 teilte SGPPräsident Haynal der UAPräsidentin EickeSpengler mit, dass der Vorstand der SGP beschlossen hätte, das Zürcher Seminar in Ausübung des Auftrages der Generalversammlung zu schliessen, nachdem das PSZ an seinen Beschlüssen festhalte: "Als Folge dieses einstimmigen Beschlusses werden die Lokalitäten des Seminars und die Bibliothek geschlossen und das Bankkonto sowie die Seminarkasse gesperrt" (Dokument 15). Dies war möglich, weil die Seminarräume von der SGP gemietet waren.
Im August kündigte die Seminarleitung an, dass sie im Begriffe ist, für die erwähnte Arbeitsgemeinschaft neue Räume zu suchen sie fand sie im September an der Tellstrasse 31. Die SGPAusbildungsinstitution an der Waserstrasse wurde unter dem neuen Namen "Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse, Ausbildungszentrum Zürich" geführt (Dokument 17). Es begann seine Tätigkeit mit einem Vortrag Werner Zanolas über "Wunsch und Wirklichkeit. Zum Realitätsproblem in der Psychoanalyse". Die wissenschaftliche Diskussion an der Tellstrasse eröffnete Fritz Morgenthaler mit einer Einführung in Heinz Kohut's Buch "The Restauration of the Self".
II. Diskussion
Die Beiträge von Fritz Meerwein und Alexander Moser
Wir beginnen die Diskussion der jüngeren Geschichte der Freud'schen Psychoanalyse in der Schweiz mit der Darstellung zweier Arbeiten, die innerhalb der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse inzwischen vorgelegt wurden. Der bereits mehrfach erwähnte Fritz Meerwein, der das Schisma als SGP-Präsident lange Zeit aufzuhalten vermochte, hat zwei Jahre post festum eine Arbeit über die Spaltungen innerhalb der schweizerischen Freud' schen Psychoanalyse vorgelegt. In einem Beitrag zur 60-Jahr-Feier der SGP 1979 in Bern erklärte er, "Krisen und Spaltungen haften der Geschichte der Psychoanalyse an wie der Schatten dem Sonnenlicht und sie sind mit ihr beinahe sprichwörtlich verbunden. Dass auch die Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse von ihr betroffen wurde, kann deshalb niemanden erstaunen" (1979, S. 26). Seiner Ansicht nach folgten die Krisen und Spaltungen in der Schweiz allerdings nicht den bereits beschriebenen Gesetzmässigkeiten: Er erwähnt Rangell's Pars-Pro-Toto-Theorie, wonach sich abspaltende Gruppen einen Teilaspekt für das Ganze nehmen und darauf eine neue Schule gründen, und Lebovici's Hypothese, wonach sie ein wesentliches Stück psychoanalytischen Denkens aufgeben. Meerwein verwirft (im Unterschied zu Alexander Moser, s.u.) aber auch Gitelson's Beobachtung , dass Spaltungen entweder den Mustern des Oedipus-Komplexes oder der Jugendrevolten folgten. Meerwein meint demgegenüber:
"Ich glaube, dass uns die Betrachtung unserer 60-jährigen Geschichte lehren kann, dass Krisen und Spaltungen psychoanalytischer Gesellschaften einen Index dafür abgeben können, dass der jeweilige Stand psychoanalytischer Theorie, Technik und Institutionalisierung defizitär geworden d.h. hinter dem Wandel menschlichen Selbstverständnisses und soziokultureller Gegebenheiten zurückgeblieben ist und dass es dann zur Spaltung als Lösung einer Krise kommen muss, wenn das bestehende Theoriedefizit und die Insuffizienz der Institution als solche nicht anerkannt und innert nützlicher Frist aufgehoben werden können" (Meerwein, 1979, 26f).
Meerwein legt den Beginn des Abspaltungsprozesses in die Jahre nach dem zweiten Weltkrieg:
"In ähnlicher Weise, wie die Krise von 1927/28 kontinuierlich in die 1948 beginnende Krise überging oder sie geradezu überlappte, so bereitete sich noch während des Ablaufes der 48iger Krise eine neue Krise vor, die in den 60iger Jahren begann, inneren Anschluss an die Mai-Unruhen von 1968 fand und 1970 mit der Uebergabe des Psychoanalytischen Seminars Zürich an die Studenten (Memorandum F. Morgenthaler) auf institutioneller Ebene erstmals in Erscheinung trat. Diese Uebergabe erfolgte in voller Uebereinstimmung mit den Organen unserer Gesellschaft und ihrem damaligen Präsidenten Raymond de Saussure" (op. cit., 35).
Meerwein sieht die Wurzeln dieser Krise in der Erkenntnis der Manipulierbarkeit des Menschen durch die von der Wissenschaft und Technik gesetzten Sachzwänge, der Erschöpfbarkeit der Rohstoffreserven und der Zerstörbarkeit von Natur und Geist. Es sei eine neue Pathologie mit prägenitalem Charakter entstanden: "Das nun einsetzende Reden von Macht und Ohnmacht siedelt sich, psychologisch gesprochen, in tieferen archaischeren Bereichen als denjenigen phallisch narzisstischer Exhibitionsgelüste an" (S. 35). Aengste und Ohnmachtsgefühle hätten auch bei Analytikern in Ausbildung und SGP-Mitgliedern ihre bewusste oder unbewusste Resonanz gefunden. Die im Psycho-Boom schnell wachsende Zahl von Stundenten der Humanwissenschaften hätte das verloren betrachtete Autonomiebewusstsein in der Psychoanalyse wieder zu erlangen versucht. Auf diesem Hintergrund seien die Revisionsversuche hinsichtlich Theorie, Technik und Institution zu sehen, die einzelne SGP-Mitglieder unternommen hätten:
"Einzelnen unserer Mitglieder stellte sich die Frage, ob eine psychoanalytische Deutungstechnik entwickelt werden kann, die - die hypothetisch vorausgesetzte - Verklammerung der Anpassungsmechanismen an gesellschaftliche Strukturen und Sachzwänge lockern und damit dem Analysanden erhöhte gesellschaftliche Autonomie und Freiheit vermitteln kann." Und: "Sind wir hier durch das Auftreten einer neuartigen Pathologie der Ohnmacht mit einem theoretischen und technischen Defizit konfrontiert, das eingeholt werden muss, soll die Psychoanalyse bestand haben?" (op. cit., 36f).
Auch auf der Ebene der Institution stelle sich die Frage, ob mit "vermehrter Demokratisierung, Autonomisierung und Regionalisierung der Gesellschaftsaktivität der Krise besser begegnet werden" könne, "als durch ein Festhalten an überlieferten Gestalten": "Viele Mitglieder der Gesellschaft - darunter der Sprechende -bejahten dies. Viele wurden durch eine solche Vorstellung aber auch stark beunruhigt. Diese Beunruhigung hatte vielerorts irrationale Züge" (S. 36):
"Die Vehemenz, mit der die Diskussion dieser Krise begonnen und dann vorzeitig beendet worden ist, kann wohl nur so verstanden werden,dass die Angst vor einer Politik der Ohnmacht angesichts des heraufziehenden grossen Gewitters ubiquitär geworden ist. Analytische Disqualifizierungen und politische Diskriminierungen von hüben und drüben haben es im heissen Klima der letzten Jahre zunehmend verunmöglicht, diese erneut auftauchenden Fragen eines theoretischen und institutionellen Defizits sorgfältig zu prüfen. Mit der Abspaltung des psychoanalytischen Seminars Zürich hat die Krise ein vorläufiges Ende gefunden" (op. cit., 37).
Eine zweite Arbeit, welche auch das Zürcher Schisma betrifft, stammt von Alexander Moser, einem ebenfalls mehrfach erwähnten Hauptbeteiligten in der Auseinandersetzung um die Aberkennung. Sie wurde 1985, mithin acht Jahre nach der Spaltung verfasst und befasst sich mit "Illustrierten Grundproblemen der angewandten Psychoanalyse (Antiödipus -Protestbewegungen der Jugend - Dissidenz)" (Alexander Moser, 1985). Er untersuchte darin die Anwendungsmöglichkeiten der Psychoanalyse ausserhalb der therapeutischen Situation und versuchte, sie mit der komplementaristischen Methode von Georges Devereux gegenüber der wilden Psychoanalyse einerseits und den traditionellen psychoanalytischen Totalerklärungen andererseits abzugrenzen. Das antiödipale Konzept erschien ihm nun besonders geeignet, um sowohl Aspekte der erwähnten Gruppierungen, als auch aktuelle Probleme der Ausbildung und der Organisation der SGP besser zu verstehen. Bei der antiödipalen Persönlichkeitsstruktur wird der ödipale Wunsch, dem Vater gleich und schliesslich überlegen zu sein, ersetzt durch den Wunsch, gerade nicht seinen Platz einzunehmen, "die ödipalen Gefahren zu vermeiden, ja die Existenz von Vater und Mutter, von Vaterschaft, Abstammung, Generationenabfolge, Vergangenheit und Tradition zu verleugnen und in einer narzisstischen Regression in einem aus sich selbst gezeugten Universum das Werk der Väter durch autonom-narzisstische Schöpfungen zu ersetzen" (S. 17). Das Wort erhalte dabei magische Kraft; der narzisstische Auftrag erschöpfe sich im verbalen Ausdruck, weshalb konkrete, realitätsangepaste Projekte fehlten.
Ein weiteres Charakteristikum der Dissidentengruppen von Adler über Jung bis zu Lacan und anderen sei eine verstärkte Tendenz zur Regression in Richtung des purifizierten Lust-Ichs. Diese zeige sich unter anderem in der geringeren Beachtung der Abstinenzregel inner- und ausserhalb der Analyse, der Verminderung der Stundenzahl und der Verkürzung der Sitzungsdauer. Mit Berufung auf "André Stéphane", einem Pseudonym von Bela Grunberger und Janine Chasseguet-Smirgel, kommt Alexander Moser auf die schlechte Integration analer Qualitäten im regressiv-narzisstischen Universum zu sprechen:
"Daraus resultiert unter anderem eine totale Ablehnung jeder Struktur, insbesondere von Organisationsstrukturen und Institutionen. 'Anarchismus' wird deshalb hochgehalten." "Hierarchie, Autorität, Schulung, Prüfungen, Selektion, usw. werden abgelehnt. Auf diesem Hintergrund wachsen nicht nur Vorstellungen von 'Volksuniversitäten', sondern auch die Idee einer völlig selbstbestimmten Ausbildung von dissidenten Analytikern verschiedener Provenienz" (A. Moser, 1985, 25).
Schliesslich stellte Alexander Moser eine ambivalente Haltung zur gesuchten marginalen Position fest:
"Die modalen Protestierenden" möchten gleichzeitig 'die Väter' vom Rande her bekämpfen aber doch als Teil der 'väterlichen Organisation' anerkannt und keinesfalls ausgeschlossen werden und schon gar nicht wirklich autonom, für sich allein, auf andere oder auf gleiche Weise, gänzlich unabhängig von den 'Vätern' arbeiten. Diese Situation lässt sich zumindest in der ersten, manchmal auch noch in einer der folgenden Generationen von Dissidenten feststellen" (op. cit., 26).
Wir werden auf die zwei Arbeiten unten näher eintreten - in einem Punkt möchten wir Alexander Moser aber bereits hier widersprechen: Seine Ausführungen, mit denen er 1985 die ordentliche SGP-Mitgliedschaft erwarb, bezogen sich wohl nicht mehr auf "dringende aktuelle Probleme" der SGP, als vielmehr auf diejenigen, die acht Jahre zuvor zur Abspaltung des Zürcher Seminars geführt hatten.
Eine zweigleisige Entwicklung
Was war nun eigentlich in Zürich geschehen? War das eine Spaltung, eine Abspaltung, ein Schisma, ein Exodus, eine Aussperrung oder ein Rauswurf? Wurde ein Theoriestück fürs Ganze genommen, ein wichtiges aufgegeben, oder gab es ein neues Paradigma? Wir kommen in der Zusammenfassung auf diese Frage zurück. Jetzt möchten wir aufgrund des referierten Materials unter Einbezug der 1986/87 geführten Interviews (auf die sich die Namensangaben ohne Jahrgang und Seitenzahl beziehen) die Entwicklungslinien nachzeichnen, die auf der institutionellen Ebene die Spaltung begünstigt und ermöglicht haben.
Meerwein hat unseres Erachtens Recht, wenn er den Beginn der Geschichte dieser Krise in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg legt, als sich mit Morgenthaler, den Parins und dem ganzen "Kränzli" ein "verschworener Freundeskreis" (Martha Eicke-Spengler) der Freudschen Psychoanalyse und damit der SGP zuwandte. Diese hatte während dem Krieg ein Schattendasein geführt und litt unter erheblichen Rekrutierungsschwierigkeiten - von 1933 und 1947 hatte sich gerade ein Kandidat gemeldet (P. Parin). Der psychotherapeutische Nachwuchs verschrieb sich der prosperierenden Jung'schen Richtung und später der Daseinsanalyse von Boss. In Analyse waren die meisten der Kränzli-Mitglieder bei Rudolf Brun, der 1928 zusammen mit Oberholzer die erwähnte Aerztegesellschaft für Psychoanalyse gegründet hatte (Brun's Analytiker war laut Parin Sarasin, der als SGP-Präsident die Laienanalyse allerdings verteidigte). Brun - einer der drei Freud'schen Analytiker des damaligen Zürich - war ein bürgerlicher Neurologie-Professor. Die Freud'sche Psychoanalyse war weder populär noch angesehen. Als Parin sich nach seiner Analyse 1950 um eine Assistentenstelle im Burghölzli bewarb, soll Eugen Bleuler erklärt haben: "Bei Ihnen stört mich die Analyse nicht, weil sie ein guter Neurologe sind" (P. Parin).
Freud'scher Analytiker zu sein, konnte man sich auf dem feindlich gesinnten Zürcher Parkett nur leisten, wenn man aussergewöhnlich und besonders begabt war. Die Freud'sche Psychoanalyse entwickelte sich auch im Nachkriegs-Zürich in der Diaspora - in einer isolierten, kohärenten Gruppe von Personen, die im Widerspruch zu ihrer Umgebung von Freud überzeugt waren. Diese Gruppe war allerdings nicht im Schoss der SGP entstanden - nicht die SGP hatte ihr zu Anerkennung und Aufschwung verholfen, sondern das Kränzli der SGP (dieser Sachverhalt wiederholt sich 1968). Sukzessive traten die Kränzli-Analytiker später der SGP bei.
Sie unterschieden sich von den anderen SGPMitgliedern teilweise herkunftsmässig, vorallem aber durch einen gesellschaftlich-politischen Erfahrungshintergrund: Morgenthaler, Parin und Parin-Matthèy waren im Krieg in Jugoslawien (letztere auch im Spanischen Bürgerkrieg) im antifaschistischen Widerstand aktiv gewesen. Sie knüpften, ähnlich wie später Teile der Studentenbewegung, gesellschaftlich-emanzipatorische Hoffnungen an die Psychoanalyse, die sie als eine fortschrittliche, revolutionäre Theorie des Menschen auffassten. Psychoanalytische Kenntnisse waren in einer nichthierarchischen Gruppe angeeignet worden, was den einzelnen im Verhältnis zur SGP Solidarität und dadurch Unabhängigkeit verschaffte. Das Kränzli und namentlich der "Utoquai", die Praxis Morgenthaler, Parin und Parin-Matthèy, blieb lange eine kohärente Gruppe mit eigener Geschichte, eigenem Selbstverständnis und eigener Organisationsideologie ausserhalb und - aufgrund ihres Erfolges - unabhängig von der Schweizerischen Gesellschaft. Die SGP, das war im damaligen Zürich das Kränzli: Die zunehmende Zahl von Personen, die sich in den fünfziger Jahren der Freud'schen Analyse zuwenden wollten, interessierten sich für die Zugehörigkeit zum Kränzli - und brachten diese Fach- und Freundesgruppe in Schwierigkeiten: Mit dem Wunsch, als Freunde unter sich zu bleiben und die Diskussion ohne Rücksicht auf Anfänger zu führen. In der Tat hatten viele Interessenten eine andere, eine kleine oder gar keine psychoanalytische Vorbildung. Zahlreiche versuchten ihr Glück mit einem Referat, wurden namentlich von Morgenthaler forsch disqualifizert und für Jahre nicht mehr eingeladen. Die Freundes-Gruppe entlastete sich 1958 mit der Seminargründung von diesen Ausbildungsansprüchen. Sie übernahm dafür die Lehrtätigkeit am Seminar und zunehmend auch offizielle Aemter der SGP. Das Kränzli und vorallem die Praxis "Utoquai" hatte im offenen Widerspruch zur eigenen Ideologie bis cirka1975 weit über Zürich hinaus eine unangefochtene Machtstellung.
Durch ihr politisches Interesse und Engagement war die Zurcher Gruppe optimal vorbereitet auf die gesellschaftlichen Entwicklungen der Anti-Atombewegung, des "Nonkonformismus" und der 68er Studentenbewegung. Dadurch wurde die Freud'sche Analyse auch für Politisierte akzeptabel, die begannen, ihre persönlichen emanzipatorischen Hoffnungen an sie zu knüpfen. Da sich etliche dieser 68er Analysanden über die eigene Behandlung hinaus für Freud zu interessieren begannen, und das Seminar ihnen wegen der a-posteriori-Anerkennung institutionell keine grösseren Hindernisse in den Weg legte, nahm die Zahl der Seminarteilnehmer nach 1968 rasch zu. Freud'sche Psychoanalyse wurde in dieser Subkultur geradezu populär, und es gelang, einen grossen Anteil am Therapie-Markt zurückzuerobern. Neben den bekannteren Kränzli-Analytikern spielten dabei diejenigen Analytiker in Ausbildung (AiA) eine wichtige Rolle, die selbst in der Studentenbewegung engagiert waren. Sie vermittelten einerseits die Kontakte, andererseits waren wegen der nach wie vor geringen Anzahl von SGP-Mitgliedern in Zürich nur sie in der Lage, die gestiegene Nachfrage abzudecken. Nach Jahren der viel beklagten passiven Abhängigkeit und anpässlerischen Schülerhaltung konsolidierte diese Entwicklung die ökonomische Stellung und berufliche Identität der AiA's. Grütter, der die SGP der Vor-68er-Zeit als "gerontokratisch regierte, relativ geschlossene, elitäre Gesellschaft, vergleichbar einer Zunft mit grösserer gegenseitiger Abhängigkeit" bezeichnet hatte, beschrieb diese Entwicklung so:
"Das Selbstgefühl der AiA's stieg, man forderte nicht mehr bloss Mitsprache, sondern Mitbestimmung und Selbstbestimmung. Dies entsprach der sozioökonomischen Position der AiA's: Sie konnten ihre Praxen ohne Mitgliedschaft leicht füllen und auch ihr Prestige anderswo beziehen" (Grütter, 1985).
Mit der Uebergabe des Seminars an die Studenten kam der amtsmüde Morgenthaler in seinem Memorandum der 68er Mitbestimmungsforderung der Kandidaten dann entgegen. Die Mitbestimmung betraf die Administration und interne Programmgestaltung des Seminars, nicht aber die Belange der SGP: die Demokratisierung der Selektion, wer mit dem Segen des UA und damit der SGP Kontrollfälle übernehmen durfte, war, wie Grütter bestätigte, zu keiner Zeit ein Thema. Die Morgenthaler'sche Devise, "Wir gehn mit Gehrock und Zylinder zur SGP nach Bern, damit wir in Zürich unsere Ruhe haben", galt namentlich auch fürs offizielle SGP-Programm: Bei Kursen von AiA's wurde pro forma ein SGP-Mitglied aufgeführt.
Mit der Plattform hatte sich erstmals seit der Seminargründung eine der gewünschten und bisher nie zustandegekommen autonomen Gruppen gebildet: ein neues "Kränzli" war entstanden. In ähnlicher Weise wie das bisherige war sie zunächst eine Sammelbewegung von engagierten Kandidaten, die sich befreundeten. Sie wandelte sich wie das Kränzli durch gegenseitige Anregung und Weiterbildung zu einer intellektuell potenten Avantgardegruppe mit einem ideologischen Führungsanspruch. Die Aktivitäten der Plattform genossen das Wohlwollen und die Unterstützung von Kränzli und Utoquai; Alexander Moser stellte zu Recht fest, dass die Verbindung von Plattform und Utoquai mehr Kohärenz und Macht hatte, als jede andere Seminargruppe. Mit der Erweiterung der Plattform verlor sie allerdings ihre innere Homogenität; zu den bestehenden ideologischen Differenzen kam der Gegensatz zwischen Alten und Jungen, zwischen Pokerklub und der Outsider-Gruppe "Merde".
Ambivalenz oder Rivalität zwischen Jungen und Alten gab es nicht. Einzig der folgenschwere Beschluss, nicht in die SGP einzutreten (er entsprach der 68er Forderung nach nichtständischer, gewerkschaftlicher Organisation) richtete sich in gewissem Sinne gegen die eigenen Väter: Parin hatte beispielsweise 1967 den SGP-Vorsitz mit dem Wunsch übernommen, dass die Jungen eintreten und das im internationalen Vergleich liberale Erbe der Schweizerischen Gesellschaft verteidigen würden. Entsprechende Aeusserungen sind uns auch von Morgenthaler bekannt. In der Tat war man in der SGP damals enttäuscht ob dem Desinteresse der Jungen an der Mitgliedschaft.
Ein polarisierender Gruppenprozess
Die Bildung von Kränzli und Plattform, die neue ideologische Vorstellungen zur Freud'schen Psychoanalyse formulierten und in die Tat umsetzten , der Boykottbeschluss gegen die SGP und die Uebergabe des Seminars an die Studierenden waren unseres Erachtens die Voraussetzungen für den nun einsetzenden, polarisierenden Gruppenprozess. Zu Beginn war man sich in Zürich allerdings einig: Die überwältigende Mehrheit von Jungen und Alten stand hinter den im Trend liegenden, euphorisierenden Aktivitäten der Plattform, welche die Macht hatte, sie lediglich zu stabilisieren brauchte. Obwohl sie das als "monolithische Regierungspartei" (Rothschild) eigentlich gar nicht nötig hatte, widmete sie sich dieser Aufgabe akribisch: Sie begann, das Seminar in der Tradition der linken Avantgarde zentralistisch zu führen - was auch bei ihr ein Misstrauen gegenüber der populistischen Verbreitung der Psychoanalyse anzeigt. Rothschild:
"Viele Jahre später ist mir klar geworden, dass wir das Seminar in einem Masse dominierten, das nicht mehr demokratisch war. Ich glaube, dass es (nicht nur in psychoanalytischen Kreisen) sehr viele Leute gibt, die sich systematisch von der damaligen Emsigkeit und Entschlossenheit der Linken unterdrückt fühlten und die heute, in einer restaurativen Situation ans Licht kommen und sich rächen" (Rothschild im Interview mit Judith Valk, 19.10.1983).
In der Tat begründen sowohl Alexander Moser wie beispielsweise auch Martha Eicke-Spengler das nach 1976 trotz den Strukturierungs-Bemühungen des PSZ offenkundige Nicht-Mehr-Wollen mit dem andauernden Stress, der Ueberpolitisierung und der Erschöpfung der vergangenen Jahre. Alexander Moser beschrieb die "klinischen Manifestationen einer narzisstischen Regression (ev. mit maniformen Zügen" im Verhalten von Protestierenden:
"Die undiskutierbare Ueberzeugung innerer Ueberlegenheit und Selbstgewissheit verbindet sich mit einer ironisch höhnisch-spöttischen Abwertung von allem, was anders ist, insbesondere wenn es das väterliche Prinzip zu repräsentieren scheint. Dabei spielt die gegenseitige Unterstützung von Gleichgesinnten in einer Gruppe eine wesentliche Rolle" (A. Moser, 1985, 21).
Mosers Beschreibung betrifft zweifellos auch die Plattform. Er war beim Treffen mit den Welschschweizer Kandidaten in Zürich und im Konflikt um die Akademische Berufsberatung einer der Ersten, die ihre Unzufriedenheit zu artikulieren begannen.
Die Plattform liess wie erwähnt die SGP links liegen, und nahm dafür die IPV ins Visier, deren Römer und Wiener Kongresse 1969 und 1971 das Parkett für die Agitation gegen die Macht der psychoanalytischen Gesellschaften hergaben. Ohne diese Aktivität an den IPV-Kongressen, die signalisierte, dass im schweizerischen Zürich etwas in Bewegung geraten war, ist das Scheitern der Interlakener Arbeitstagung unseres Erachtens nicht zu verstehen. Interlaken, wo die noch geschlossenen Deutschschweizer demonstrieren wollten, wie sie Psychoanalyse handhaben und verstehen, war die Gelegenheit, zu zeigen, dass man die Infragestellung der psychoanalytischen Ordnung ausserhalb der Schweiz nicht toleriert. Die Ausbootung des Doyen der österreichischen Psychoanalyse (der einem Jungen Platz machen sollte dem SGP-Präsidenten der Spaltungszeit, André Haynal), die bereits bekannten Kandidaten, die aufs Podium wollen (Rothschild und Galli), das Thema "Psychoanalyse und Gesellschaft" und der in Deutschland als "links" eingestufte Jacques Berna als Organisator (der den Kursbuch-Autor und Terrorismus- "Sympathisanten" Sjef Teuns nach Hamburg geholt hatte): da wurde die ganze Zürcher Speisekarte auf einmal präsentiert und von den Funktionären der umliegenden Gesellschaften nicht goutiert.
Sämtliche Befragten stellten übereinstimmend fest, dass Interlaken die Kohärenz der Zürcher zunächst vergrösserte. Erst im Zusammenhang mit den Folgeereignissen, der internationalen Versendung des "Lehrstücks" und der unautorisierten Publikation des Briefwechsels des SGP-Präsidenten in "Psicoterapia e Scienze Umane", distanzierten sich dem Seminarbetrieb bisher gewogene SGP-Mitglieder (u.a. Fritz Meerwein, Martha Eicke-Spengler und Ulrich Moser), was der bestehenden Opposition um Alexander Moser und Alice Miller Auftrieb gab. Plattform und Gesamtseminar hingegen hatten nach dem Aufschwung und der Euphorie der fetten 68er Jahre als Gruppe Mühe, die wirtschaftlichen und politischen Veränderungen wahrzunehmen und sich auf sie einzustellen, obwohl Rezession, Restauration und drohende staatliche Reglementierung der nichtärztlichen Psychotherapie die einzelnen Seminarteilnehmer zunehmend verängstigte. Namentlich die geplante "Psychotherapeuten-Verordnung", die erst nach der Spaltung von den kantonalzürcherischen Stimmberechtigten aus sachfremden Gründen abgelehnt werden sollte, warf bei vielen die Frage auf, ob das PSZ und seine Teilnehmer nicht die SGP benötigt, um als Ausbildungsstätte staatlich anerkannt zu werden. Anstatt das Seminar zu konsolidieren, tat man so, als ob man das Heft des Handelns noch in der Hand hätte.
Die welsche Intervention
Effektiv war es in Begriff, zu entgleiten. Der Angriff kam allerdings nicht, wie in Zürich befürchtet, von der IPV. Präsident Serge Lebovici kam beide Male nicht aus eigener Initiative in die Schweiz, sondern auf Einladung von Gremien der SGP. Die IPV hatte nach übereinstimmender Ansicht der Kontrahenten rechtlich gar keine Handhabe, eine einmal anerkannte component society zur Räson zu bringen. Der Angriff kam, am Seminar weitgehend unbeachtet, aus dem Welschland, als die welsche Sektion des Unterrichtsausschusses im April 1974 beschloss, die bereits bereinigte, liberale Neufassung des Informationsbulletins über die analytische Ausbildung nicht mehr zu unterstützen. Wie bereits erwähnt, wurde der Revisionsvorschlag der in diesem Zusammenhang eingesetzten Arbeitsgruppe Henny zum Keil, mit dem das PSZ 1977 von der SGP abgespalten werden sollte.
Parin begründet das nunmehr einsetzende, geschlossene, unföderalistische Vorgehen der Welschen gegen die Zürcher unter anderem mit der inneren Zerstrittenheit der Welschen, die nach dem Tod des langjährigen SGP-Präsidenten Raymond de Saussure (im SGP-Jahresbericht von1971 vermerkt) zur eigenen Konsolidierung einen Sündenbock und Blitzableiter gebraucht hätten. Meerwein bestätigt: "Die Welschen waren immer zerstritten, und haben das projektiv verarbeitet." Zuletzt wurde dies deutlich, als 1976 der designierte Meerwein-Nachfolger Roch im SGP-Präsidium kein welsches Vorstands-Ticket zusammenbrachte, was die erwähnte Gefahr der Auflösung der SGP heraufbeschwörte.
Die Gleichzeitigkeit lässt allerdings darauf schliessen, dass auch Interlaken eine Rolle spielte: Die Entfremdung zwischen dem PSZ und den mitteleuropäischen Vereinigungen hatte in der französischen Schweiz die vorhandenen Bedenken und bekannten Vorurteile gegen die Zürcher Verhältnisse verstärkt. Dabei spielte wiederum der Boykott der Plattform eine Rolle: Er hatte einerseits dazu geführt, dass nur wenige neue Mitglieder aus der deutschen Schweiz hinzukamen, was den Zürchern den Vorwurf einbrachte, sie verkauften die Psychoanalyse an Personen ausserhalb der Gesellschaft und leisteten damit einer Spaltung Vorschub. Andererseits hatte er zur Folge, dass nur mit den Zürcher Verhältnissen wenig identifizierte Personen in die SGP eintraten, die nicht für das PSZ werben mochten. Grütter, Morgenthaler, Parin, Pfister-Ammende und andere gerieten nach der Distanzierung von Meerwein, Ulrich Moser und Eicke-Spengler zunehmend in Minderheit und in die Defensive.
Dasselbe passierte im Herbst 1975 auch der Plattform, als Ulrich Moser, aus verschiedenen Motiven ob dem Modena-Hauser-Papier in Rage geraten, im Alleingang ultimative Strukturierungsforderungen an das PSZ stellte. Er fand sogleich erwünschte, aber auch ungebetene Unterstützung. Grütter meinte in einem Brief an die Plattform, das im Jargon der grossen Jahre geschriebene Pamphlet sei offenbar deshalb so provokativ gewesen, weil es "offensichtlich und überdeutlich" "die von Lenin angewiesene Technik der kommunistischen Machtergreifung" beinhalte. Das Gespenst der "marxistischen 'Machtübenahme'" wurde auch im NZZ-Artikel vom 4. Juni l976 beschworen, der die Einladung zur heutigen Feier ziert. Waren die Marxisten damals tatsächlich in der Offensive? Ausserhalb des Seminars war klar das Gegenteil der Fall: Mit der wirtschaftlichen Rezession der Jahre nach 1973 und der damit verbundenen Restauration der Vor-68er-Verhältnisse waren sie hoffnungslos in die Defensive geraten - der Konflikt um die Akademische Berufsberatung war nur ein Ausdruck dieses Rollbacks. Es war die Zeit der Flugzeug-Entführungen, des Terrorismus und seiner Bekämpfung, der Sympathisanten und Berufsverbote. Innerhalb des Seminars aber mussten die "Marxisten", wie Rothschild zu Recht erklärte, die Macht gar nicht "übernehmen", weil sie sie schon seit langem hatten. Wie konnten die Opponenten damals glauben, eine solche stehe am Psychoanalytischen Seminar bevor? Unseres Erachtens lässt sich die Ueberreaktion des Seminars auf das Papier nur durch den unerträglich gewordenen Kontrast zum gesellschaftlichen Kontext verstehen. Das knapp zweiseitige Paper einer minoritären Plattform-Fraktion, von dem sich in der Folge Seminar- und Plattformmehrheit distanzierten, war ein Anlass, nach Rezession und Restauration die institutionellen und ideologischen Parameter neu zu justieren.
Dass mit der Restrukturierung des PSZ die Krise nicht beigelegt werden konnte (Ulrich Moser zog sich zufrieden zurück), hat unseres Erachtens zunächst mit der emotionalen Heftigkeit und Hitze dieser Auseinandersetzung zu tun. Der mit der Selbstbestimmung verbundene Strukturabbau hat, wie wir wissen, für die psychoanalytische Ausbildung viele Energien freigesetzt und ist unseres Erachtens mitverantwortlich für die Produktivität dieses Seminars; wir kommen am Schluss nochmals darauf zurück. Für das Seminar im offenen Konflikt hingegen war dieser Strukturmangel folgenschwer, weil er übertragungs- und gegenübertragungsbedingten Rivalitäten und Loyalitäten Tür und Tor öffnete. Anna Freud hat 1950 auf die speziellen Uebertragungsprobleme in der Lehranalyse hingewiesen:
"Lehranalysanden desselben Lehranalytikers benehmen sich in der Uebertragung wie Geschwister, die sich aneinander messen, sich gegenseitig herabsetzen oder übertreffen wollen, sich gegenseitig um angebliche Bevorzugung durch Vater und Mutter beneiden, sich unter Umständen gegen Vater oder Mutter verbünden etc." (A. Freud, 1970, 573).
Und: "Wo im infantilen Leben Uneinigkeit zwischen den Eltern geherrscht hat, und das Kind bald für den einen, bald für den anderen Elternteil Partei ergriffen hat, entwickelt der Analysand ein leidenschaftliches Interesse an allen unter den lehrenden Analytikern vorhandenen Unstimmigkeiten mit Parteinahme für oder gegen seinen Analytiker. Wo die äusseren Ereignisse diese Uebertragung einer infantilen Einstellung auf die Gegenwart fördern, ist aber für den Analysanden der Wiederholungscharakter und damit die Deutung seines Benehmens nicht überzeugend" (op. cit., 573f).
Marie Langer (1982) meinte zum speziellen Schicksal von Idealisierung und Enttäuschung in Lehranalysen: Während die Restübertragung bei Abschluss der Analyse normalerweise nicht störe, da der Analytiker nach Beendigung der Behandlung aus dem Leben des Patienten verschwindet, wachse die Enttäuschung des Lehranalysanden in dem Ausmass, in dem der Kandidat Kollege seines Analytikers werde. Diese Enttäuschung werde projektiv verarbeitet.
In diesem Zusammenhang stellt sich somit die Frage, ob ein Seminar im Konflikt ohne Verkehrsregelung, ohne Separatspur für Analysanden und für ihre Analytiker nicht tatsächlich eine gegenseitige Ueberforderung darstellt? Der offene Konflikt machte die Seminarstrukturen in der Tat defizitär. Auf die Frage, ob dieses Defizit aufhebbar ist - Marie Langer spricht vom "Widerspruch in der Lehranalyse" - werden wir am Schluss nochmals zurückkommen.
Die Heftigkeit dieser Auseinandersetzung jedenfalls war folgenschwer, weil sie zunächst, wie Martha Eicke-Spengler, Alexander Moser und Fritz Meerwein betonten, die Durchführung von Analysen von Analytikern in Ausbildung erschwerte. Meerwein meinte dazu im Interview:
"Die Mitglieder konnten nicht gleichzeitig institutions- und übertragungsanalytisch denken. Jeder hatte eigene Analysanden in der Gruppe und fragte sich, was ist falsch an unseren Analysen, dass derart agiert wird? Es scheint mir heute unmöglich, das in Personalunion zu verbinden, ohne in Verruf zu geraten, man konspiriere, kollaboriere oder kapituliere."
Vor allem aber haben die Szenen der Vorwürfe, der Beschimpfung und Verhöhnung vor den eigenen Analysanden bei den exponierten Mitgliedern der Gesellschaft Verletzungen hinterlassen, deren Narben offensichtlich heute noch schmerzen. Der von Grütter als "Krieg" bezeichnete Vorgang bedeutete den Kontrollverlust einer Institution. Die daran beteiligten Akteure waren nicht in der Lage, den Konflikt so auszutragen, dass sie post festum unter dem gleichen Dach zusammen an der Sache weiterarbeiten konnten. Obwohl Kränkungen und Verletzungen beide Seiten betrafen, war auf der Seite des PSZ und der Plattform von Schisma nie die Rede.
Diese subjektiven Phänomene erklären indessen nur teilweise, weshalb der Konflikt mit der Strukturierung des Seminars nicht begraben und zur Tagesordnung zurückgekehrt werden konnte. Unseres Erachtens waren die Bemühungen des PSZ dazu nicht tauglich, weil sich der Ort des Geschehens inzwischen nach Bern verlagert hatte. Die welsche Initiative zur Revision der Ausbildungsrichtlinien rückte, namentlich nach dem Erreichen des einfachen Mehrs bei der Abstimmung über Alice Miller's Antrag auf Aberkennung im Mai 1976, mehr in den Bereich des Möglichen als nur gerade eine lokale PSZ-Restrukturierung.
Das Liebäugeln mit weitergehenden Veränderungen und das heisst mit der Restauration der Verhältnisse vor 1970, erklärt unseres Erachtens die merkwürdige Ambivalenz, die im Januar 1977 die SGP der vorher geforderten PSZ-Strukturierung entgegenbrachte. Neben der bereits erwähnten Notiz (s. S. 33f) nimmt auch Grütter in einem Brief an die SGP-Mitglieder darauf bezug; er wirft der SGP in diesem Zusammenhang vor, sie setze das Seminar wie narzisstisch gestörte Eltern einem Double Bind aus:
"Die SGP nahm der TV und der SL übel, wenn sie lange keine Statuten entwarfen, und die Führung dem UA überliessen, und sie war ebenso empört, wenn sich das Seminar schliesslich Statuten geben wollte" (Grütter, 6.1.77, 10).
War es ein Double Bind, oder kam mit dem Essen der Appetit? Unseres Erachtens waren zwei Faktoren am Werk: Der restaurative, vom Zeitgeist unterstützte Wind aus der psychoanalytischen Gruppe im Welschland einerseits, und die Verletzungen, Aengste und Zweifel, der Verlust an Vertrauen andererseits, die mit dem Krieg und Kontrollverlust der Institution verbunden waren. Einzig die Restauration im Schoss der SGP band die Aengste vor Wiederholung - und vor Rache. Die Rückkehr zum status quo ante 1970 verleiht dieser Entwicklung etwas Regressives.
Die Zürcher Gruppe war, wie Ulrich Moser formulierte, "gestorben". Der bisher minoritäre, restaurative Teil hatte bei der SGP Anschluss gefunden und konnte aufs Ganze gehen, ohne sich der Gefahr der völligen Isolation auszusetzen. Die Voraussetzung für diese Entwicklung war die Ueberlassung der SGP an die Zürcher Minorität - durch die Nichteintretens-Uebereinkunft. Ganz abesehen davon, dass es bei einer entristischen Strategie nicht zu einer solchen Polarisierung hätte kommen können: In den entscheidenden Abstimmungen vom 30. April 1977 wären die nötigen Mehrheiten in der SGP nicht zustande gekommen, wenn die zum Teil schon über zehn Jahre praktisch tätigen "Kandidaten" SGP-Mitglieder geworden wären. Die Gruppe schaffte es nicht rechtzeitig, auf das Tabu zurückzukommen. Erst als der Zug bereits abgefahren war, distanzierten sich einzelne Mitglieder von der identitätsstiftenden Gruppenideologie.
Die unseres Erachtens letzte reale Möglichkeit, die Spaltung der Freudschen Psychoanalyse in der Schweiz zu verhindern, war im Mai 1976 die erwähnte Offerte der Gruppe um Olivier Flournoy, die SGP regulär in eine welsche und einen deutschschweizerische Gesellschaft aufzuteilen. Das Motiv für die Ablehnung dieses Vorschlages war nach Grütter die Befürchtung, dass eine Teilung der SGP der erste Schritt für den Hinauswurf der Zürcher aus der IPA darstellen würde. Insofern die Zurückweisung der Flournoy-Initiative die Spaltung im folgenden Jahr nicht verhindern konnte, lässt sich im nachhinein feststellen, dass sie auf einer politischen Fehleinschätzung beruhte.
III. Schlussfolgerungen
Abschliessend nocheinmal die Frage, was in Zürich eigentlich geschehen ist: eine Spaltung, ein Schisma, ein Exodus oder eine Aussperrung? Wurde ein Theoriestück fürs Ganze genommen, eins aufgegeben, oder gab es ein neues Paradigma? Haben Parin's Arbeiten über "Gesellschaftskritik im Deutungsprozess" (1975) und "Das Ich und die Anpassungsmechanismen" (1977, s.a. Meerwein, 1979) zu Auseinandersetzungen und Spannungen in der Schweizer Psychoanalyse geführt? In den Materialien dieser Geschichte, wie in den 1985 und 1986 geführten Interviews, gibt es nur gerade zwei Hinweise für eine solche These. Der eine stammt aus der zitierten Arbeit Alexander Mosers:
"Jeder kulturalistische oder gesellschaftspolitische Standpunkt zum Beispiel, der durch den Analytiker in die Analyse eingeführt wird, verstärkt die Projektionstendenz des Patienten, statt dass diese analysiert wird. Das Zentrum des Interesses wird vom Intrapsychischen ins Soziale, Oekonomische usw. deplaziert" (A. Moser, 1985, 22).
Die These von Alexander Moser wird allerdings im Kontext stark relativiert und erfolgte mithin acht Jahre post festum. Der zweite Hinweis stammt von Janine Chasseguet-Smirgel. Ebenfalls im Jahre1985 schrieb sie in ihrem Beitrag zum Hamburger Kongress in einer Fussnote:
"Nach den Ereignissen von 1968 bildete sich in Zürich eine 'marxistische' Gruppe um Parin und Morgenthaler (...). Diese Gruppe ist der Meinung, dass die Kur das revolutionäre Potential der Analysanden entwickeln sollte. Ein modus vivendi mit der Schweizer Vereinigung, der Parin und Morgenthaler angehörten (Morgenthaler ist inzwischen verstorben), hat ihre Mitgliedschaft in der Schweizer Vereinigung und damit in der IPV erhalten, ihnen aber die Anerkennung, Analytiker auszubilden, entzogen" (Chasseguet-Smirgel, 1987, S. 104f.).
In der Tat war nach den Ereignissen von 1977 kein einziges Mitglied aus der SGP ausgetreten oder ausgeschlossen worden. Gegen eine theoretisch-technische Enge in der schweizerischen Psychoanalyse spricht nicht nur, dass diese inhaltlichen Themen nicht kontrovers diskutiert wurden. Der Daseinsanalytiker Medard Boss konnte ebenso in der SGP verbleiben wie Alice Miller: Es gehört zur Ironie der Spaltungsgeschichte, dass mit ihr 1976 ausgerechnet die Person den Aberkennungsantrag stellte, die sich drei Jahre später in ihrem Bestseller "Das Drama des begabten Kindes" vom Freud'schen "Schibboleth" der Triebtheorie distanzieren und ihre Tätigkeit als praktizierende Analytikerin einstellen wird.
Hinter der Zürcher Spaltung stehen somit im wesentlichen keine unterschiedlichen Auffassungen über die richtige psychoanalytische Lehre der Metapsychologie, der Neurosenlehre oder der Behandlungstechnik. Es ergäbe ein falsches Bild der Geschichte wie der tatsächlichen Analysen und Therapien in den Praxen der Seminarteilnehmer, in bezug auf die Orthodoxie von Dissidenz zu sprechen.
Die Divergenz bezog sich vielmehr auf die Organisation der psychoanalytischen Gemeinschaft, auf die Zugänglichkeit, die Selektion und die innere Differenzierung. Die oben geschilderte Mechanik hat seminarinterne Auseinandersetzungen im Rahmen der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse auf eine gesamtschweizerische Ebene gehoben. Dort wurden die Zürcher Konflikte mit der Seminarstruktur und Verbindung gebracht, und dort kollidierte diese frontal mit der traditionellen Organisationsideologie psychoanalytischer Vereinigungen. Wie diametral sich die traditionelle psychoanalytische OrganisationsIdeologie von den Vorstellungen unterscheidet, die mit dem Kränzli nach dem Krieg und der Plattform nach 1968 in die schweizerische Freud'sche Psychoanalyse kamen, zeigen die Arbeiten von Cremerius über "die 'Psychoanalytische Bewegung' und das Elend der psychoanalytischen Institution" (1986) und von Erdheim über "das Verenden einer Institution" (1986). Die Aengste der Gegner der Zürcher Verhältnisse bezogen sich explizit auf dieselbe Problematik, die Freud seinerzeit zur Gründung einer psychoanalytischen Vereinigung verleitete:
"Die Form einer offiziellen Vereinigung hielt ich für notwendig, weil ich den Missbrauch fürchtete, welcher sich der Psychoanalyse bemächtigen würde, sobald sie einmal in die Popularität geriete. Es soll dann eine Stelle geben, welcher die Erklärung zustände: mit all dem Unsinn hat die Psychoanalyse nichts zu tun, das ist nicht die Psychoanalyse" (Freud, 1914, 85).
Es ist bemerkenswert, dass sich die geheimbündlerische Komiteebildung, die "Elite nach Art der platonischen Herrschaft der Philosophie" bereits 1914 explizit nicht mehr gegen den psychoanalysefeindlichen Kontext richteten, sondern gegen die drohende Popularität der Psychonanalyse. Genau dieses Schicksal war ihr indessen nach dem Krieg in Zürich widerfahren: Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und vorallem nach 1968 war für die Freud'sche Psychoanalyse in der deutschen Schweiz die Zeit einer beinahe exponentiellen Verbreiterung. Dieser Erfolg hat den Zürchern anfänglich Prestige und Bewunderung aber auch Neid eingetragen: Der florierende und expandierende Markt, die Kandidaten mit Praxen voller Analysen, mit Wartelisten, das internationale Aufsehen.
Mit den Schwierigkeiten kam die Entwertung: Die nach dem Freud-Zitat offenbar traditionellen Aengste der Psychoanalytiker vor unkontrolliertem Wachstum, populistischer Verwässerung und damit verbundenem gesellschaftlichen Prestigeverlust der eigenen Zunft führten zu einer Art Autoimmunabwehr gegen den institutionell uneingebundenen Fremdkörper. Mario Erdheim hat sicher recht, wenn er für die spezifische Institutionalisierung, welche sich die Freud'sche Psychoanalyse gegeben hat, und an die sie sich festklammert, die Ambivalenz der Analytiker zur Psychoanalyse verantwortlich macht. Was gibt die entzauberte psychoanalytische Tätigkeit auf die Dauer her, immer nur hinter der Couch, ohne narzisstische Zufuhr durch prestigeträchtige Aemter, ohne grosses Publikum? Ist die Psychoanalyse als Beruf noch interessant, wenn sie das Stigma des Elitären verliert? Die verletzbare und fragile Identität des Psychoanalytikers wurde allerdings nicht nur durch diese Entsakralisierung erschüttert. Nach Grütter (1985) haben die Ausweitung des Marktes und die direkte Konkurrenz durch Senior-Kandidaten, durch den Fall des Lehranalysen-Privilegs, bei SGPMitgliedern ökonomische Existenzängste ausgelöst. Diese Hypothese wird a posteriori dadurch bestätigt, dass in den 1978 verabschiedeten Ausbildungsrichtlinien das LehranalysenPrivileg der SGP wieder errichtet wurde. Und: Die Richtlinien sind im Widerspruch zum Wortlaut nach unserer Kenntnis konsequent rückwirkend angewandt worden.
Bedenkt man, dass das Psychoanalytische Seminar Zürich eine Abspaltung von der SGP zu keiner Zeit beabsichtigt und angestrebt hatte, so kommt man im nachhinein nicht um die Feststellung, dass der divervierende Prozess zu einem guten Teil auf der Fehleinschätzung dieser Aengste, Widerstände und Agierpotentiale beruhte. Der zweite wichtige Faktor war nach unserer Interpretation der durch das institutionelle Defizit verschärfte Widerspruch in der Lehranalyse. Die am Seminar vom Teilnehmer geforderte Autonomie und Selbstbestimmung stand im Widerspruch zu den Abhängigkeits- und Idealisierungs-Wünschen der Lehranalysanden. Trotz der Ablehnung der Institution der "Lehranalyse" und trotz der Beschwörung der Brüdergemeinde produzierte das Seminar immer auch aussenstehende Anfänger und etablierte Insider. Und damit informelle Macht - und damit Neid, Eifersucht, soziale Aengste und Anpassung. Diese Dynamik war stärker als das Verhalten der Väter, die diese Position in der scietific community zu vermeiden suchten. Diese von den Vätern und den Kindern geteilte Ideologie gab unseres Erachtens den Objektbeziehungen am Seminar den von Alexander Moser festgestellten, antiödipalen Touch.
Der Widerspruch in der Lehranalyse nun hat, wie wir seit Cremerius und beispielsweise François Roustang wissen, in der psychoanalytischen Gemeinschaft Tradition. Er wurde unseres Erachtens auch am Seminar unterschätzt. In diesem Punkt hat das Zürcher Modell gegenüber der traditionellen psychoanalytischen Vereinigung wohl keine Vorteile, findet der Autonomiegewinn des Lehranalysierten gerade in der psychoanalytischen Gemeinschaft seine Grenze. Dies würde noch deutlicher, wenn wir nun all die nichtanalytischen, intimen Motive darstellen würden, die das Agieren der Akteure in diesem Konflikt auch mitbestimmt haben: Wer war bei wem in Analyse, wer hatte mit wem ein Verhältnis. Es fehlt hier nicht nur das. Es fehlt etwas, dastrotz den Krisen und Konflikten nach wie vor als Ausdruck eines grossen Vorteils dieser Art von Institution gewürdigt werden darf: Das Engagement für die Psychoanalyse und die Produktivität, die sich in den vergangenen 30 Jahren im Umfeld dieses Seminars entfaltete.
(Thomas Kurz lic. phil. I & dipl. arch. ETH, Zollikerstr. 191, 8008 Zürich)
VI. Literatur
Die Literaturliste beschränkt sich auf Arbeiten, die veröffentlicht oder auf Tagungen vorgetragen wurden. Die hier nicht aufgeführten bibliographischen Angaben beziehen sich auf die Dokumententensammlung der Bibliothek des Psychoanalytischen Seminars Zürich.
Chasseguet-Smirgel, Janine: Ueberlegungen zum Hamburger Kongress. In: Eickhoff, F.-W. & Loch, W. (Hrsg.): Jahrbuch der Psychoanalyse, Bd. 20, 1987. Stuttgart-Bad Cannstatt: frommann-holzboog, 1987, 89-113
Cremerius, J.: Spurensicherung. Die "Psychoanalytische Bewegung" und das Elend der psychoanalytischen Institution. Psyche, 1986, 40, 1063-1091
Erdheim, M.: Das Verenden einer Institution. Psyche, 1986, 40, 1092-1104
Freud, A.: Probleme der Lehranalyse. Psyche, 1970, 24, 565-576
Freud, S.: Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. In: Gesammelte Werke Band X, 43-113
Grütter, E.: Unveröffentlichter Beitrag. Tagung über Institutionalisierung und Desinstitutionalisierung. Psychoanalytisches Seminar, Zürich, 1985
Langer, M. et al.: Psychoanalyse zwecks Sozialismus. Neues Forum, März 1972, 39-40
Langer, M. : Der Widerspruch in der Lehranalyse. Journal Nr. 5, Psychoanalytisches Seminar Zürich, 1982, 17-20
Meerwein, F.: Reflexionen zur Geschichte der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse in der deutschen Schweiz. Bulletin No. 9, Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse, 1979
Morgenthaler, F. & Berna, J.: Psychoanalytische Ausbildung. In: Bulletin Nr. 5, Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse, 1967, 1f
Morgenthaler, F.: "Es wird eine Zeit kommen...". In: Bulletin Nr. 1, Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse, 1965, 1f
Moser, A.: Illustrierte Grundprobleme der angewandten Psychoanalyse (Antioedipus - Protestbewegung der Jugend - Dissidenz). Unveröffentlichte Arbeit. Zürich, 1985
Parin, P.: Das Ich und die Anpassungsmechanismen. Psyche, 1977, 31, 481-515
Parin, P.: Gesellschaftskritik im Deutungsprozess. Psyche, 1975, 29, 97-117
Walser, H.: Psychoanalyse in der Schweiz. In.: Eicke, D. (Hrsg.): Die Psychologie des 20. Jahrhunderts, Band II. Zürich: Kindler, 1976