Ausgabe 2019 Hemmung und Enthemmung

Schwerpunkt

Aus der Vortragsreihe Mein liebster Freud: «Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten» (1914g) oder der «Wolfsmann» zwischen Ödipus und Narziss, Tummelplatz und Krieg

Der Artikel beruht auf einem Vortrag, der in der Reihe «Mein liebster Freud» am 17. April 2014 am PSZ gehalten wurde. Die These lautet, dass Freud in der Abhandlung «Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten» (1914g) in seinem theoretischen Bezugsrahmen an der Neurose und am Modell des Traums orientiert ist, klinisch jedoch in den Bereich der nicht-neurotischen Störungen vorstösst. Das Agieren und Wiederholen in der Übertragung wird zum Äquivalent für das Erinnern von nicht (symbolisch) repräsentierten Erfahrungen, die auf diese Weise zur Darstellung gelangen. Es ergeben sich Anknüpfungspunkte für spätere Autoren wie Winnicott, Bion und Green, die sich mit ...

Die Analytikerin und ihr Trog

«Le psychanalyste et son baquet»1 – unter diesem Titel hielt Laplanche vor gut 40 Jahren zehn Vorlesungen zum Thema «Der Psychoanalytiker und sein Trog», womit er die psychoanalytische Situation zwischen Analytikerin und Analysandin meint. Seit seiner Publikation 1987 ist baquet (Trog) ein Begriff, der seither immer wieder in diversen französischen Wortvariationen in den Texten von Laplanche zu finden ist. Es ist ein zentraler Terminus, ohne den seine Übertragungsbegriffe schwierig zu verstehen sind. In der Übersetzung der Nouveaux fondements pour la psychanalyse, die 2011 erschienen ist, wird «baquet» auf Deutsch mit «Zuber» übersetzt. Ich bleibe beim Be...

Schwellenkunde. Theodor W. Adornos Forschungen zur Psychoanalyse im Zeichen der Phantasie und der Kunst

Der Frankfurter Sozialphilosoph Theodor W. Adorno (1903–1969) kritisiert in vielen seiner Texte Sigmund Freuds Beschreibung der äusseren Wirklichkeit als ungenügend. Kaum bekannt ist, dass er selbst zum Verhältnis von Phantasie und Aussenwelt geforscht hat. In den kalifornischen Kliniken von Ernst Levy und Frederic Hacker entwickelte er entsprechende Forschungsprojekte zur Disposition von Künstlern und zur Rolle der Phantasie in der sexuellen Entwicklung des Kindes. Die Ergebnisse verbinden sich mit einer bestimmten Perspektive auf die Psychoanalyse und erweitern ihr Realitätsprinzip um eine «libidinöse Zone».Journal für Psychoanalyse, 62, 2021, 43–62 Sc...

Intermediäre Schöpfungen. An den Rändern kreativen Prozessierens

Der Beitrag befasst sich mit den Überlegungen von Winnicott zu den Übergangsphänomenen. Ausgehend von der Erlebenswelt des Neugeborenen, das sich aus der Mutter-Kind-Einheit lösen muss, um sich als eigenes Subjekt entwickeln zu können, wird die Skizzierung des Übergangsraums weiterentwickelt und auf andere Erfahrungen wie die Entwicklung von Gedanken (Bion) oder den Übertritt in den Schlaf (Merleau-Ponty; Levinas; Waldenfels) übertragen. Die Geburt als Eintritt in das Leben spielt dabei sowohl als stets vorausliegende Phänomenalität wie auch als symbolische Grenzüberschreitung von der Vorzeit in eine Lebenszeit eine zentrale Rolle (Rank; Kaplan) und marki...

Insideout – und dazwischen die Angst?

Die französische Psychoanalytikerin Diane Chauvelot beschreibt ihr Koma als eine Erfahrung des Unbewussten in Reinform. Ausgehend von diesem Bericht soll mit Bezug auf Françoise Dolto, Sigmund Freud und Jacques Lacan der Frage nach der psychischen Innen- und der Aussenwelt sowie dem Dazwischen nachgegangen werden.Journal für Psychoanalyse, 62, 2021, 86–106 Insideout – und dazwischen die Angst? Dagmar Ambass (Zürich) Zusammenfassung: Die französische Psychoanalytikerin Diane Chauvelot be ­ schreibt ihr Koma als eine Erfahrung des Unbewussten in Reinform. Ausgehend von diesem Bericht soll mit Bezug auf Françoise Dolto, Sigmund Freud und Jac­ ques Lacan ...

Das lange Warten: Nicht-Beziehung und Dissoziation im Leben auf Standby

Der Artikel erörtert das existentielle Warten, das mit dem Gefühl einhergeht, ein Leben auf Standby zu führen. Dabei versucht der Autor, diesen Existenzmodus mit den im Artikel elaborierten Konzepten der Nicht-Beziehung bzw. des gesperrten Übergangs zu erhellen und verknüpft diese Konzepte mit Überlegungen zu dissoziativen Zuständen, dem Begriff des psychischen Todes und der Unlebendigkeit. Zudem wird vorgeschlagen, dass die therapeutische Situation sich dadurch auszeichnet, im Warten des anderen aufgehoben zu sein.Journal für Psychoanalyse, 62, 2021, 107–121 Das lange Warten: Nicht-Beziehung und Dissoziation im Leben auf Standby Nikolaus Lehner (Wien...

Camille – Reaktivierter Konflikt, Übertragung und Wunsch-Abwehr-Dynamik

Camille, eine Frau Mitte dreissig, ist in einer Beziehung mit einer Frau und wünscht sich ein Kind. Im Lauf der Analyse arbeiten wir uns zu ihrem Wunsch vor: eine gleichberechtigte, ebenbürtige Beziehung mit einem Mann. Doch jedes Mal, wenn sie ihren Liebeswunsch an einen Mann richtet, gerät sie in Angst und blockt ab. Ihre Einfälle haben hauptsächlich zum Inhalt, dass etwas kaputt oder verlustig gehen könnte.Journal für Psychoanalyse, 62, 2021, 122–137 Camille – Reaktivierter Konflikt, Übertragung und Wunsch-Abwehr-Dynamik Dominic Suter (Zürich) Zusammenfassung: Camille, eine Frau Mitte dreissig, ist in einer Beziehung mit einer Frau und wünscht si...

Am Körper. Von Leerstellen und Versteckspielen. Ein Essay

Unser Essay geht assoziativ den Fragen nach, wie der Blick der Anderen den Körper und das Geschlecht des Subjekts kreiert und wie sich das kulturell vorherrschende Blickregime auf trans Menschen auswirkt. Zentrale Funktionsweise dieses Blickregimes ist es, Unsichtbares und Unbekanntes – oder eben: Leerstellen – wegzumachen, indem man diese spekulativ ergänzt bzw. füllt. Das Blickregime erschafft und perpetuiert in der Folge die Geschlechterdifferenz und das Körperbild.Journal für Psychoanalyse, 62, 2021, 138–153 Am Körper. Von Leerstellen und VersteckspielenEin Essay Lisa Schmuckli und Patrick Gross (Basel) Zusammenfassung: Unser Essay geht assoziativ ...

Reproduktion im Spannungsfeld von InnenZwischenAussen

Die Reproduktion und deren heutige Stellung im Spannungsfeld zwischen Natur und Technik sowie deren Auswirkungen auf den Menschen und die Gesellschaft werden dargestellt. Die zentrale Bedeutung des Begriffs der Bindung in Bezug auf die Fortpflanzung wird beleuchtet sowie die Notwendigkeit, die bisherige Bindungsforschung um die pränatale Dimension zu erweitern. Besondere Aufmerksamkeit gilt der wechselhaften Beziehung von Innen, Zwischen und Aussen. Der von der Autorin entwickelte Mutter-Embryo-Dialog (M-E-D) wird als therapeutischer Ansatz dargestellt. Er etabliert eine Bindung von Anfang an. Frauen mit Fruchtbarkeits- und Schwangerschaftsproblemen könne...

Der Mensch im Spannungsfeld zwischen Heimatverlust, Heimatlosigkeit, Heimweh und Heimatsuche. Psychoanalytische und psychosoziale Aspekte

Nach einer Begriffsklärung von Heimat werden entwicklungspsychologische Aspekte der Heimatbildung untersucht. Aktuelle Befunde von Entheimatung und Heimatverlust und ihre psychosozialen Folgen werden diskutiert. Der Psycho-sozio-pathologie von Heimat kann nur durch die Förderung einer stabilen inneren Heimat begegnet werden. Sie erlaubt eine Toleranz für Differenz.Journal für Psychoanalyse, 62, 2021, 168–183 Der Mensch im Spannungsfeld zwischen Heimatverlust, Heimatlosigkeit, Heimweh und Heimatsuche Psychoanalytische und psychosoziale Aspekte Thomas Auchter (Aachen) Zusammenfassung: Nach einer Begriffsklärung von Heimat werden entwick- lungspsychologis...

Buchbesprechungen

Daniel Zettler (2020): Das Maßlose in der Spätmoderne. Eine Kritische Theorie.

Dass sich ein über 350 Seiten starkes Buch mit dem Untertitel Eine Kritische Theorie nur auf zusammengerechnet zwei Seiten mit Adorno und Horkheimer beschäftigt, liesse sich noch durch das Selbstverständnis, sich auf Autoren der «Neueren Kritischen Theorie», insbesondere Habermas und Honneth, zu beziehen, ansatzweise entschuldigen. Das Verbinden von Psychoanalyse und Soziologie aber als Projekt der Kritischen Theorie «seit je» auszugeben, lässt, wie an vielen anderen Stellen auch, tatsächlich fragen, inwieweit die Arbeiten der ersten Generation Kritischer Theorie überhaupt zur Kenntnis genommen wurden. Weist beispielsweise Adorno noch am Beispiel Parsons...

Fakhry M. Davids (2019): Innerer Rassismus. Eine psychoanalytische Annäherung an race und Differenz

Bereits 2011 erschien das Werk des in London niedergelassenen Psychoanalytikers und Lehranalytikers der British Psychoanalytical Society und liegt nun acht Jahre später in der deutschen Übersetzung von Christiane Bakhit vor. Hier drängen sich erste Assoziationen auf, warum die Übersetzung so viele Jahre auf sich warten liess. Auch der Autor selbst verweist zu Beginn auf die Marginalisierung des Rassismus als psychologischen und psychoanalytischen Forschungsgegenstand. Die einleitenden Überlegungen Davids zum inneren und äußeren Rassismus, d. h. zum Rassismus «in der Außenwelt und im Kopf» (S. 29), als auch die kurze historische Skizze des «problematische[...

Rosmarie Barwinski (2020): Steuerungsprozesse in der Psychodynamischen Traumatherapie.

Mit welch beneidenswerter Unbeschwertheit konnten sich doch die Pioniere* der Psychoanalyse ans Schreiben ihrer Bücher machen. Doch seither gilt für alle ihre Nachfahren, was Kurt Tucholsky 1931 in der Weltbühne konstatierte: Es gibt keinen Neuschnee. Die große Herausforderung besteht also darin, zunächst ganze Berge verwandter Literatur zu überblicken, das Relevante zu erkennen, und die vielen komplizierten Theorien, deren Darstellung sich im Original oft mehr durch Ausführlichkeit denn durch Verständlichkeit auszeichnet, in aller Kürze wieder - zugeben. Quasi zur Einleitung, denn dann soll es ja weitergehen. Was Barwinski hier gelingt, ist nicht weniger...

Hans Hopf (2019): Abgründe.

Der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Dr. Hans Hopf aus Mundelsheim bei Stuttgart hat schon viele wichtige Fachbücher als Orientierungshilfe für die Praxis und für den Lehrbetrieb in Ausbildungsinstitutionen her ausgegeben. U. a. in Zusammenarbeit mit Arne Burchartz die Reihe beim Kohlhammerverlag «Psychodynamische Therapien mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen». Burchartz und Hopf bereicherten in den letzten Jahren unsere Freitagszyklen am PSZ, Hopf u. a. als Experte für die Arbeit mit Kinderträumen. Im Sommer 2020 nun hat er die Leserschaft mit einem Einblick in die «Ab gründe» des Erlebens eines sehr engagierten Psychotherapeuten kon...

Dietmar Dietrich (2021): Simulating the Mind II – Psychoanalyse, Neurologie, Künstliche Intelligenz: ein Modell.

Das Buch «Simulating the Mind II» von Dietmar Dietrich wird bei Vielen Widerstände provozieren. Bereits der Untertitel weckt Assoziationen, die Skepsis mobilisieren könnten: «Psychoanalyse, Neurologie, Künstliche Intelligenz: ein Modell». Nicht genug, dass hier Psychoanalyse und Neurologie zusammengebracht werden, Dietrich geht weiter und fügt die Künstliche Intelligenz noch hinzu. Allein, dieses Buch ist wie eine Psychoanalyse: es lohnt die Widerstände auszuhalten und auf diese mit dem Wunsch zu verstehen zu reagieren. Um beim Widerstand zu beginnen: der Untertitel und der Buchrückentext, in dem es heisst, dass das erklärte Ziel darin bestehe ein einhei...

Thomas von Salis (2019): Das Lernen und die Gruppe. Arbeiten zum Thema der operativen Gruppe

Das Buch von Thomas von Salis vereint eine Reihe von Aufsätzen, die seine langjährige Auseinandersetzung mit der Operativen Gruppe dokumentieren. Auch Weggefährt*innen kommen zu Wort: Elisabeth von Salis, Erich O. Graf, Franziska Grob, Peter Keimer und Willi Amherd. Der Reader erscheint als 2. Band in der Reihe «Beiträge zur Analyse von Gruppen und Institutionen», die von Thomas von Salis herausgegeben wird. Das Buch eignet sich nicht als Einführung ins Thema der Operativen Gruppe, weil die einzelnen Beiträge eine Vertrautheit mit den operativen Konzepten voraussetzen. Deshalb seien dieser Rezension zwei Zitate vorangestellt, um Theorie und Methode der Op...

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