LISA und YVONNE

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Dokumentarfilm von Jeannette Fischer und Jens-Peter Rövekamp
 

Im Jahre 2004 machte das SF1 in CH-aktuell einen Aufruf, ehemalige Verding­kinder mögen sich melden. Das Nationalfondsprojekt unter Prof. Ueli Mäder, Soziologisches Institut Basel, interviewte daraufhin 300 Personen von 2005 bis 2008. Ich wurde angefragt, fünf Interviews auf Video aufzuzeichnen.
So lernte ich LISA Götz und später ihre Tochter YVONNE, die Protagonistinnen unseres Filmes, kennen. Lisa wurde als Neunjährige zwischen 1958 und 1962 in drei Pflegefamilien im Kanton TG verdingt; die Unmöglichkeit einer emotionalen Bindung zwischen Mutter und Tochter berührte mich sehr.
LISA: «Ich musste meiner Tochter gestehen, dass sie alles für mich ist im Leben, aber sie richtig lieben, nein, das kann ich nicht, ich kenne dieses Gefühl gar nicht».
YVONNE: «Meine Mutter erzählte mir als kleines Kind ihre Leidensgeschichte. Ich habe diese nochmals gelebt. Ich musste sie mitessen, verdauen, manchmal kotzen, nochmals essen – es war schlimm».
Das soziale Gewebe der ehemaligen Verdingkinder wurde zerstört und damit das Vertrauen in die menschliche Beziehung in ihren Grundstrukturen zutiefst er­schüttert.
Wir können nicht davon ausgehen, dass ein Trauma mit dem Ende der trau­matischen Situation abgeschlossen ist. Die strukturelle Zerstörung in Beziehung bleibt bestehen und das Problem wird transgenerationell. (D. Becker in: «Die Erfindung des Traumas», 2006).
Anhand von Ausschnitten aus dem Film, ergänzt mit eigenen Kommentaren und Überlegungen von Mario Erdheim, soll diesem Thema Raum gegeben werden.
 
Jeannette Fischer, Psychoanalytikerin in eigener Praxis in Zürich seit 1986. Kuratorin diverser Ausstellungen und Autorin des Filmes «ERKENNEN – oder es könnte auch ganz anders sein» für Sternstunde SF1.
Dr. phil. Mario Erdheim, Psychoanalytiker, Lehrbeauftragter, Supervisor. Studium der Ethnologie, Philosophie und Soziologie in Basel. Lehrbeauftragter an der Universität Zürich mit Schwergewicht Ethnopsychoanalyse und Ethno­psychiatrie. Habilitation an der Universität Frankfurt am Main. Zahlreiche Publikationen.